Kommentar: Noch eine Zölibatsdebatte
Querschläge im Vatikan

Selbst der wackerste Katholik wird in diesen Tagen zwischen der Debatte um sexuelle Gewalt im Raum der Kirche, beendeter Amazonas-Synode und beginnendem „Synodalen Weg“ schwer seufzen. Im neuen Jahr sollen behutsam Weichen gestellt werden. Möglicherweise will Papst Franziskus in Ausnahmefällen in abgelegenen Dörfern des Amazonasgebiets verheiratete Priester zulassen. Aus Sorge um die kontinuierliche sakramentale Seelsorge an den Christen, die dort leben. In konservativen Kreisen der Kirche im Vatikan wird nun ein Dammbruch vermutet; eine spirituelle Aushöhlung jenes über Jahrhunderte hinweg sakral überhöhten Klerikerstandes.

Dienstag, 14.01.2020, 20:43 Uhr aktualisiert: 14.01.2020, 20:48 Uhr
Rom, 21. Dezember 2018: Papst Franziskus (links) und der emeritierte Papst Benedikt XVI unterhalten sich im Kloster „Mater Ecclesiae“. Foto: Vatican Media/dpa
Rom, 21. Dezember 2018: Papst Franziskus (links) und der emeritierte Papst Benedikt XVI unterhalten sich im Kloster „Mater Ecclesiae“. Foto: Vatican Media/dpa

Papst Franziskus wird den Querschuss seines Amtsvorgängers Benedikt, der sich erneut vehement für die Beibehaltung des Zölibats ausspricht, als junger Theologe 1970 in einem Memorandum aber noch für ein Überdenken der ehelosen Lebensform der Priester warb, wohl kaum als hilfreich empfinden. Er muss im Blick auf Priestermangel im Amazonasgebiet pragmatisch entscheiden und will dabei sicher keine Revolution auslösen. War sich Benedikt der Tragweite seines Textes zum jetzigen Zeitpunkt bewusst? Oder, was zu vermuten ist, wurde dieser bewusst jetzt vom Herausgeber, dem Kurien- kardinal Robert Sarah, passend lanciert? Zumal sich nun auch der „Synodale Weg“ in Deutschland mit der Lebensform der Priester befassen wird. Die Frage steht im Raum, ob eine in der Kirche längst überfällige wertschätzende Sicht auf die Sexualität nicht eine neue Kultur schaffen kann. Fort von Männerbünden, Vereinsamung, Mythologisierung, hin zu Kooperation und zu größerer Verantwortung und Ämtern für Frauen. Erst kürzlich hat sich der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck ungewöhnlich kritisch über die verpflichtende Ehelosigkeit der Priester geäußert und in seiner Neujahrspredigt für den derzeit laufenden Reformprozess geworben.

ZdK-Präsident Thomas Sternberg aus Münster, der mit Kardinal Reinhard Marx in Kürze den „Synodalen Weg“ einläuten wird, hängt den neuen Zwischenruf aus den Vatikanischen Gärten bewusst tief. Es handele sich um die Meinung eines emeritierten Papstes; das sei vergleichbar mit der privaten Wortmeldung eines Bischofs im Ruhestand.

Benedikt XVI. hat sich 2013 entschieden, ein Leben in Gebet und Meditation zu führen. Es wäre hilfreich, gerade für seinen Nachfolger, wenn er bei diesem Vorsatz bliebe.

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