Di., 28.01.2020

Kommentar zur Auschwitz-Gedenkfeier Nichts aus dem Grauen gelernt

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier – hier an der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau – hat Deutschland würdig vertreten.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier – hier an der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau – hat Deutschland würdig vertreten. Foto: dpa

Von Ulrich Krökel

Schlimmer hätte es kaum kommen können. Die Feierlichkeiten zum Holocaust-Gedenken haben in bitterer Deutlichkeit vor Augen geführt, dass die politischen Lenker der Gegenwart nichts, aber auch gar nichts aus dem Grauen von einst gelernt haben. Statt sich angesichts der elementaren Herausforderungen unserer Zeit, die von Klima- und Umweltkatastrophen, Kriegen, Flucht und Ausbeutung geprägt ist, zusammenzuraufen und ein Zeichen der Gemeinsamkeit zu setzen, demonstrierten Polen und Russen, Israelis, US-Amerikaner und bei allem guten Willen auch die Nachfahren der deutschen Täter ihre Ignoranz oder mindestens ihre Hilflosigkeit.

Es begann mit wechselseitigen russischen und polnischen Verunglimpfungen. Kremlchef Wladimir Putin relativierte mit unflätigen Bemerkungen den Hitler-Stalin-Pakt und warf Polen eine Mitschuld am Kriegsausbruch vor. Die rechtsnationale PiS-Regierung in Warschau zahlte mit ähnlicher Münze zurück. Mehr noch: Sie arbeitet seit Jahren an einem polnischen Heldenkult, der das Land in einen unsäglichen Opferkonflikt mit Israel gebracht hat. Resultat war ein gespaltenes Gedenken. In Jerusalem durfte der polnische Präsident Andrzej Duda vergangene Woche nicht sprechen. Er sagte daraufhin seine Teilnahme ab und konzentrierte sich auf seinen Auftritt in Auschwitz und die Würdigung der eigenen NS-Opfer.

Dabei war der 75. Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau vielleicht die letzte Chance, von den Überlebenden der deutschen Mordmaschinerie das Verzeihen zu lernen oder wenigstens einen menschlichen Umgang miteinander. Angehört wurden die Alten zwar. Aber wirklich zugehört haben ihnen die wenigsten, zumindest unter den weltpolitisch Verantwortlichen. Immerhin: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat Deutschland in den vergangenen Tagen mehr als würdig vertreten. Zugleich jedoch stand die große Aufmerksamkeit für das Holocaust-Gedenken in Deutschland in einem krassen Missverhältnis zu einer gesellschaftlichen Wirklichkeit, die von Hassreden, antisemitischen Ausfällen und rechtem Terror geprägt ist.

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