Di., 28.01.2020

Kommentar zu Sexueller Gewalt Ein Problem der gesamten Gesellschaft

Symbolbild.

Symbolbild. Foto: dpa

Von Johannes Loy

Das Unsägliche sagen, das Unvorstellbare zur Sprache bringen: Zehn Jahre nach den ersten Enthüllungen am von Jesuiten geleiteten Canisius- Kolleg in Berlin ist das Dunkelfeld „Sexuelle Gewalt“ zwar in einigen Winkeln ausgeleuchtet. Auch wächst angesichts von Studien, wissenschaftlichen Expertisen und Präventionsmaßnahmen das allgemeine Problembewusstsein. Aber es wird, wie der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, am Dienstag klar feststellte, noch deutlich größere gesamtgesellschaftliche Anstrengungen im Kampf gegen sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen geben müssen. Und zwar deshalb, weil sexuelle Gewalt in all ihren widerwärtigen Ausprägungen ein gesamtgesellschaftliches Problem ist, von dem sich keine Institution, keine Gruppe und keine Generation freisprechen kann.

Die moralische Fallhöhe der Kirchen, die ja ganz wesentlich auf das Vertrauen jener angewiesen sind, die ihnen die Kinder für Katechese, Erziehung und Begleitung anvertrauen, ist dabei natürlich deutlich höher als in Sportvereinen, kommunalen Waisenhäusern oder Schulen anzusiedeln. Die infolge der Enthüllungen gestiegenen Austrittszahlen bilden die Kennziffern einer Krise, die der münsterische Kirchenhistoriker Hubert Wolf als gravierender einstuft als die Kirchenkrise zur Zeit der Reformation vor 500 Jahren.

Der am 30. Januar von Laien und Bischöfen in Frankfurt gemeinsam zu eröffnende „Synodale Weg“ soll daher auch jene verkrusteten und gänzlich überholten Strukturen in den Blick nehmen, die Machtmissbrauch und sexuelle Gewalt begünstigen. Doch der Synodale Weg ist fraglos mehr. Denn es geht darum, eine zukunftsfähige Kirche zu formen, in der Männer und Frauen in gleichberechtigtem Miteinander die Botschaft des Glaubens in die Welt tragen.

Auch nach zehn Jahren sind es zuallererst die Opfer, die gehört, entschädigt und in ihren Traumata begleitet werden müssen. Zugleich wäre es wohlfeil, wenn sich die Gesellschaft mit Blick auf die Kirchen, die über viele höchst engagierte Seelsorgerinnen und Seelsorger verfügt, von eigenem Versagen freisprechen wollte. Täglich hören wir von neuen Schreckensmeldungen, Dunkelmännern in pädophilen Netzwerken, von Ausbeutung und Sextourismus, gegen den man systematisch einschreiten müsste. Zugleich bleibt der Haupttatort sexuellen Missbrauchs die Familie. Pädagogen, Juristen, Psychologen und Mediziner sind gefragt, Öffentlichkeit herzustellen, Prävention zu verbessern, Opfern zu helfen – und die Täter zur Verantwortung zu ziehen. Strafe und Therapie inbegriffen.

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