Mi., 29.01.2020

Kommentar zum Gedenken im Bundestag Schuld und Chance

Symbolbild.

Symbolbild. Foto: dpa

Von Holger Möhle

Versöhnung ist ein großes Wort. Frank-Walter Steinmeier und Reuven Rivlin haben stellvertretend für ihre Länder und Völker im Bundestag gezeigt, dass eine solche Versöhnung die Tagespolitik erreichen und große Stunden erzeugen kann. Die Staatsoberhäupter von Deutschland und Israel verstehen sich als Freunde. 75 Jahre nach der Befreiung des NS-Konzentrationslagers Auschwitz hat der Bundestag in einer schweren, einer schönen, einer schmerzhaften und auch einer beladenen Stunde der Opfer des verbrecherischen Holocaust und seiner wahnwitzigen industriellen Menschenvernichtungsmaschinerie gedacht. Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble, Steinmeier und Rivlin haben an die historische Schuld Deutschlands erinnert beziehungsweise die Hand zur Versöhnung ausgestreckt und ergriffen. Eine Geste auch als Symbol für kommende Generationen.

Nie wieder! Zwei Worte gedacht als Mahnung gerade in Zeiten, da Antisemitismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit in vielen Staaten Europas um sich greifen, wieder salonfähig werden, in die politischen und gesellschaftlichen Debatten einsickern.

Schweigen ist dabei keine Alternative, weil Demokratie Auseinandersetzung und Einmischung verlangt. Freiheit ist alles andere als selbstverständlich. Der Rechtsstaat muss gegen jene verteidigt werden, die ihn heute wieder nationalistisch aufladen und überwinden wollen. Steinmeier nahm von derlei Einflüssen ausdrücklich auch den Bundestag nicht aus, warnte dabei vor der Zertrümmerung von Rechtsstaat und Demokratie. Die rechte AfD durfte sich angesprochen fühlen.

Das Verhältnis zwischen Deutschland und Israel wird immer ein außergewöhnliches, ein sensibles, auch ein historisch belastetes bleiben, und es ist dennoch Chance. Es zeigt, dass selbst dunkelste Stunden überwunden werden können und tiefste Schuld aufgearbeitet werden kann, wenn beide Seite es wollen. Das Deutschland von heute wäre nicht jenes demokratische, rechtsstaatliche und freie Deutschland, wenn es sich nicht grundlegend mit seiner eigenen Schuld aus der Zeit der NS-Herrschaft auseinandergesetzt hätte. Dass die Sicherheit Israels deutsche Staatsräson bleibt, ist auch ein Teil dieser Schuld und Verantwortung. Die deutsch-israelische Freundschaft ist schwer erarbeitet. Sie muss verteidigt werden.

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