Kommentar zum britischen Umgang mit dem Coronavirus
Johnson hat versagt

Spät, für viele infizierte Briten vielleicht zu spät, hat sich Premierminister Boris Johnson durchgerungen, seinen Landsleuten klare Ansagen im Kampf gegen Corona zu machen.

Dienstag, 24.03.2020, 20:03 Uhr aktualisiert: 24.03.2020, 20:14 Uhr
Boris Johnson, Premierminister von Großbritannien, spricht bei einer Pressekonferenz in der Downing Street über das Coronavirus. Foto: Eddie Mulholland/Pool for The Telegraph/dpa
Boris Johnson, Premierminister von Großbritannien, spricht bei einer Pressekonferenz in der Downing Street über das Coronavirus. Foto: Eddie Mulholland/Pool for The Telegraph/dpa

Allzu lange hat der Populist in der Downing Street die Fakten heruntergespielt und mit unhaltbaren Lobeshymnen über das britische Gesundheitssystem NHS – ganz im Trump-Stil – einschneidende, weil nicht wählerfreundliche Maßnahmen verhindert.

Gefährliche Träume

Vor über einem Jahrhundert begeisterten die Briten sich an ihrer „splendid isolation“ (wunderbare Isolation) – als nicht bündnisgebundene weltpolitische Großmacht, die ihren Reichtum aus den Kolonien bezog. Diese Zeiten sind lang vorbei, doch nicht wenige Briten scheinen weiter von diesem privilegierten Zustand zu träumen.

Die Ignoranz, mit der viele auf der Insel auf die Empfehlungen, auf Partys oder andere riskante Situationen zu verzichten, reagiert haben, beruht nicht zuletzt auf diesem diffusen Gefühl der Überlegenheit, ja Unverwundbarkeit. Doch selbst Johnson hat nun begriffen, wie ernst die Lage ist.

Lieber nach Deutschland?

Wenn ein britischer Arzt in der BBC erklärt, dass er im Falle einer Corona-Erkrankung lieber in Deutschland behandelt werden möchte als in seiner Heimat, muss das aufrütteln. Die Briten hatten schon ohne Corona genug Probleme – nicht umsonst wurde dort das Berufsbild der „corridor nurse“ geschaffen, eine Krankenschwester, die sich nur um Patienten kümmert, die wegen überfüllter Krankenhäuser in Betten auf den Fluren liegen.

Die Perspektive ist klar: Der NHS wird unter der Pandemie zusammenbrechen, viele Erkrankte werden zu Hause gepflegt werden müssen. Und im Zweifelsfall auch ohne Beatmungsgerät.

Überfüllte U-Bahnen

Doch was nutzen alle Bestimmungen, wenn die U-Bahnen weiterhin völlig überfüllt sind, weil all jene, die im besonders von Corona betroffenen Großraum London leben, zur Arbeit wollen. Die Prognose ist nicht allzu schwer: Das Virus wird sich über viele neue Wirte freuen.

Johnson, der seinem Land glorreiche Zeiten unter seiner Ägide versprach, wird an seinen Maßstäben gemessen werden. In der Corona-Pandemie gibt es bisher keinen Zweifel: Er hat gezögert, wirkte schwach und ist damit für die explosionsartige Ausbreitung des Virus in Großbritannien mitverantwortlich. Kurz: Er hat versagt.

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