Fr., 27.03.2020

Kommentar zum Handel in der Bredouille Turbulenzen und Kapriolen des Marktes

Beim Einkaufen von Lebensmitteln gehen die einen vernünftig vor, andere nicht ­­– etwa wenn Obst und Gemüse trotz begrenzter Lagerfähigkeit gehamstert werden.

Beim Einkaufen von Lebensmitteln gehen die einen vernünftig vor, andere nicht ­­– etwa wenn Obst und Gemüse trotz begrenzter Lagerfähigkeit gehamstert werden. Foto: dpa

Von Jürgen Stilling

Im deutschen Lebensmittelhandel sorgt die Corona-Pandemie für kuriose Phänomene. Der Ansturm auf das Toilettenpapier ist nur die Spitze des Eisbergs – eines Eisbergs, der eine extreme Nachfrage nach Produkten umfasst, die in hohen Stückzahlen gar nicht dauerhaft haltbar bleiben. Ebenso kommt es aber auch zu sinkenden Preisen bei einer Zunahme an Käufen.

Mit marktwirtschaftlichen Mechanismen hat das alles wenig zu tun. Das Beispiel der Milch- und Molkereiprodukte ist besonders auffällig. Trotz hoher Nachfrage der Verbraucher fürchten die Landwirte fallende Erzeugerpreise. Dabei spielt nicht nur eine Rolle, dass der Export momentan daniederliegt, traditionell in dieser Branche aber sehr hoch ist, weil in Deutschland deutlich mehr produziert wird, als hierzulande konsumiert werden kann. Auch Einflüsse aus völlig anderen Industriezweigen bremsen die Verarbeitung von Milch. Denn es fehlt an Verpackungen, die wegen der Corona-Krise aktuell nur begrenzt gefertigt werden.

Unsinniger können Hamsterkäufe kaum sein

Doch auch bei anderen Produkten gibt es Turbulenzen: So war etwa in zahlreichen Supermärkten Obst und Gemüse fast ausverkauft. Dabei sind diese Waren nur begrenzt lagerfähig. Unsinniger können Hamsterkäufe also kaum sein. Doch bald könnten landwirtschaftliche Produkte tatsächlich zum knappen Gut werden. Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner fürchtet nach der Verhängung des Einreisestopps für osteuropäische Saison-Arbeitskräfte, dass Lebensmittel auf dem Acker verderben könnten, statt in den Läden angeboten zu werden.

Verkehrsminister Andreas Scheuer sieht gleichzeitig Lieferprobleme – und will deshalb alle Logistikkräfte bündeln, damit zumindest Lebensmittel des täglichen Bedarfs, Medikamente und Kraftstoffe in ausreichender Menge die Verbraucher erreichen.

Der Markt funktioniert derzeit nicht

Gefährdete Ernten und unterbrochen Lieferketten bedrohen unser Wirtschaftssystem. Deshalb gilt es, in dieser Ausnahmesituation zu akzeptieren: Der Markt funktioniert derzeit nicht. Alle Formen von Kooperationen, die das Kartellrecht in normalen Zeiten zu Recht verbietet, sind nun dringend gefordert.

Staatseingriffe, die ja bereits die persönliche Freiheit der Bundesbürger stark beschneiden, dürfen auch im Wirtschaftsprozess kein Tabu sein. Wenn der Markt versagt, ist die Politik gefordert, eine zwingend notwendige Versorgung sicherzustellen. Allerdings muss der Appell nach Ende der Krise umgehend lauten: Finger weg von der Wirtschaft!

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