Kommentar zu Corona
Geld oder Leben? Nein. Beides!

Die Kontaktsperre wirkt, sagen die Virologen. Und wir alle hoffen es – ja, müssen es hoffen. Einzig, wir brauchen eiserne Disziplin und eine Geduld der Größe Doppelt-Maxi-XXL. Noch ist der Tiefpunkt in der Corona-Krise nicht erreicht. Leider. Noch steigt die Zahl der Neuinfizierten von Tag zu Tag stark an, noch schnellt die Zahl der Menschen von Tag zu Tag nach oben, die auch bei uns in Deutschland an der Lungenkrankheit Covid-19 sterben.

Freitag, 27.03.2020, 19:03 Uhr aktualisiert: 27.03.2020, 19:06 Uhr
Symbolbild. Foto: dpa
Symbolbild. Foto: dpa

Und das – hier ist die brutal schlechte Nachricht – wird vermutlich noch eine ganze Zeit so weiter gehen. Eine viel zu lange Zeit, denn jeder Tag ist einer zu lang und jeder Tote ist einer zu viel. Dennoch oder gerade deshalb ist es so ungeheuer wichtig, dass wir alle miteinander durchhalten und dass wir an den uns auferlegten und unsere persönliche Freiheit erheblich einschränkenden Vorgaben strikt festhalten.

Das und nur das kann das Gebot der Stunde sein. Das sind wir allen Infizierten und allen Risikogruppen – das sind wir uns selbst schuldig. Das sind wir allen Ärztinnen und Pflegern, allen Krankenschwestern und Ärzten schuldig, die sich um die Erkrankten kümmern. Und allen anderen, die unser Land unter den widrigen Bedingungen dieser Tage am Laufen halten und dabei auch persönlich ins Risiko gehen.

Keine Woche ist das Kontaktverbot erst alt, da nimmt schon die Debatte gewaltig Fahrt auf um ein Ende dessen, was im besten Neudeutsch mal „Lockdown“ und dann wieder „Shutdown“ genannt wird. Aber es geht natürlich auch ostwestfälisch: „Spätestens Ostern müssen wir den Laden wieder hochfahren“, hat der Paderborner CDU-Bundestagsabgeordnete Carsten Linnemann gesagt. Und viele andere Politiker und Unternehmer pflichten ihm bei.

Ihrer aller Sorge liegt auf der Hand. Denn die wirtschaftlichen Folgen dieser schwierigen und historisch einmaligen Situation, die Deutschland gerade durchmacht und von der die gesamte Weltwirtschaft erfasst ist, werden gigantisch sein. Damit steht die böse Frage im Raum, was wohl Priorität hat: Geld oder Leben? Was am Ende mehr Existenzen kostet? Ein Virus oder der weltweite Einbruch unserer Waren- und Dienstleistungsströme samt des Todes ganzer Branchen.

Das ist der Hintergrund einer Debatte, die so überlebensnotwendig wie lebensgefährlich ist. Gefährlich ist die Diskussion über das Hochfahren von Wirtschaft und gesellschaftlichem Leben, weil darin das falsche Signal erkannt werden könnte, dass das Schlimmste schon geschafft ist. Das aber wäre fatal! Nein, nein, nein, das Schlimmste ist nicht geschafft! Noch lange nicht. Unverändert muss gelten: Bleiben Sie zu Hause! Genau so, wie es seit vergangenem Sonntag deutschlandweit in vorbildlicher Art und Weise praktiziert wird.

Die gespenstischen Szenen von geschlossenen Geschäften, von großen, doch menschenleeren Einkaufsstraßen mögen surreal wirken, bleiben aber auf absehbare Zeit der einzig richtige Weg. Wir alle wollen vermutlich nichts sehnlicher als unser altes Leben zurück. Ob wir es je zurückbekommen, steht in den Sternen. Aber sicher ist, dass wir umso weniger davon zurückbekommen, je überstürzter wir handeln.

Alle Politiker, alle Wirtschaftskapitäne und jeder Einzelne von uns, der seine Sinne einigermaßen beieinander hat, weiß das. Und deshalb ist es wichtig, die Dinge im Zusammenhang zu sehen und dementsprechend zu handeln. Dazu gehört es auch, die Nachrichten nicht nur in Schlagzeilen zu lesen. Und dazu haben auch wir Journalisten unseren Beitrag zu leisten. Die Lage ist kompliziert und wir wissen längst nicht genug über das Virus: Das kann man ruhig zugeben, das kann man auch ruhig mal schreiben. Vor allem: Das muss der Kompass sein, damit Information ankommt und nicht Unsinn.

Und in diesem Geist ist auch die Debatte um eine Lockerung der Verhaltensregeln und den dafür richtigen Zeitpunkt zu führen. Denn natürlich kann sich unser 83-Millionen-Land nicht auf Dauer einsperren – selbst wenn es einzig und allein aus freien Stücken geschähe. Denn nicht nur die ökonomischen, auch die gesellschaftlichen Schäden wären gigantisch. Sie reichen von Vereinsamung über häusliche Gewalt bis hin zu kultureller und intellektueller Verarmung und vielem Übel mehr. Der Mensch ist und bleibt ein soziales Wesen. So ist es sinnvoll und richtig, das Für und Wider einer Exit-Strategie – noch so ein englisches Wort mit Hochkonjunktur gerade – zu diskutieren.

Die Politik tut gut daran, die Zeit zu nutzen und den weiteren Kurs in der Bekämpfung der Pandemie breit zu debattieren. Noch haben zu Recht die Medizinier das Sagen. Doch wenn es daran geht, den Weg zurück ins normale Leben zu finden, muss wieder der Primat der Politik gelten. Die Verantwortung für Beschlüsse solcher Tragweite können nur gewählte Volksvertreter übernehmen – andernfalls gäben wir elementare Grundsätze un­serer rechtsstaatlichen Ordnung, ja unserer freiheitlichen Demokratie auf.

„Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück”, heißt es in Psalm 23:4. „Geld oder Leben?“ So mag man zugespitzt die Frage formulieren. Unsere Antwort aber braucht ein heißes Herz und ei­nen kühlen Verstand. So kann es nur heißen: „Geld oder Leben? Nein. Beides!“ Passen Sie auf sich und Ihre Familien auf und: Bleiben Sie gesund!

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