Kommentar zum Corona-Krisenmanagement
Vom Zutrauen und Zumuten

Vergangene Woche die ARD-Umfrage „Deutschland-Trend“, nun der neue „Angst-Atlas“ im Auftrag der R+V-Versicherung : Es mag erstaunlich klingen, aber die Deutschen haben aktuell so großes Zutrauen in die Politik wie lange nicht mehr. Das muss als Lob für die handelnden Politiker verstanden werden, selbst wenn diese nicht frei von Fehlern sind.

Mittwoch, 08.04.2020, 19:40 Uhr aktualisiert: 08.04.2020, 21:28 Uhr
Nordhorn in Niedersachsen: Besucher eines Wochenmarkts stehen mit Mundschutzmasken und Abstand zueinander an Ständen an. Foto: Friso Gentsch/dpa
Nordhorn in Niedersachsen: Besucher eines Wochenmarkts stehen mit Mundschutzmasken und Abstand zueinander an Ständen an. Foto: Friso Gentsch/dpa

Ja, vieles hätte in dieser Corona-Krise besser laufen können, wenn man die Pandemie-Szenarien von einst nicht nur zur Kenntnis genommen, sondern auch nach ihren Empfehlungen gehandelt hätte. An Atemmasken und Schutzkleidung für das medizinische Personal – vor wenigen Monaten für Cent-Beträge zu haben und zwischenzeitlich selbst zu Höchstgeboten kaum noch zu bekommen – hätte es dann je­denfalls zu keinem Zeitpunkt gefehlt.

Widersprüchliche Aussagen zu Schutzmasken

Auch die widersprüchlichen Aussagen mit Blick auf das Tragen von Behelfsmasken, die momentan zu Hunderttausenden vor allem auch im Ehrenamt angefertigt werden, hätte man sich besser gespart. Mag sein, dass das Tragen einer solchen Maske für viele immer noch befremdlich wirkt und das Ganze irgendwie gespenstisch aussieht. Aber wenn’s auch nur ei­nen kleinen Beitrag dazu leistet, dass wir Schritt für Schritt wieder in un­ser normales Leben zurückkehren können, ist es jede Anstrengung wert.

Und nach dem Osterfest muss eine Wende kommen. Denn mögen die Deutschen gerade ihren Politikern trauen, so stellt sich doch die bange Frage: Ist es andersherum auch so? Noch immer sind zu viele Statements offenkundig von der Sorge beeinflusst, die Menschen könnten die Dinge falsch verstehen und alle Vorsicht fahren lassen. Das wiederum dokumentiert ein Misstrauen gegenüber der eigenen Bevölkerung, das unwürdig und zudem vollkommen unangemessen ist.

Bevölkerung wird Diskussion richtig einordnen

Die Regierungen im Bund und in den Ländern sollten guten Mutes sein, dass die große Mehrheit der Menschen gewiss in der Lage ist, die Diskussionen über die richtige Exit-Strategie und den unvermeidlichen Streit um das richtige Maß und die klügsten Maßnahmen auszuhalten und richtig einzuordnen. Eine mündige Bürgergesellschaft hat ein solches Zutrauen verdient und wird auch mit den zugehörigen Zumutungen fertigwerden.

Da unser Dilemma bleibt, so lange das Corona-Virus nicht sicher besiegt ist, sind kontrovers-konstruktive Debatten und das dauernde Ringen auch mit harten Bandagen der einzig gangbare Weg. Erst recht in einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft. Und hier ist die Politik spätestens von Dienstag nächster Woche an gehörig unter Zugzwang.

Kommentare

Beutelipper  schrieb: 09.04.2020 11:50
Ein sehr guter Kommentar, dem ich hunderprozentig zustimme. Die Politik macht im Rahmen dessen, was eine liberale Gesellschaft zulässt, ihre Sache gut, sehr gut wäre zuweilen etwas mehr Pragmatismus. Ich möchte den Vorschlag von Walter Kohl aufgreifen: Vermögende Privatleute sollten Geld, welches auf Konten dahin schlummert, in einen Fond einzahlen mit 3,5 % Rendite, um die Krise zu überwinden. Auf welchem Planeten und wann sollte das Geld stattdessen investiert werden? Und die BWA 2019 sollte ausreichen, um die Entscheidung über einen Kredit zu beschleunigen. Eine Bitte noch: wir brauchen eine breiter aufgestellte Riege von Wissenschaftlern, die die Regierung berät, Animositäten müssen hinten angestellt werden. Ein Virologe ist kein Mathematiker, leider kursieren falsche Deutungen von Statistiken, die bei vielen unnötige zusätzliche Panik hervorrufen.

Dass es an hilfreichem medizinischem Material mangelt, das für Centbeträge zu produzieren ist, weil die Produktion ausgelagert wurde, um den letzten Cent Gewinn herausquetschen zu können, ist jedem klar, unabhängig von der Parteienzugehörigkeit. So viel zum Thema, dass die freien Märkte alles regeln, Herr Lindner. Die Märkte regulieren sich kapitalgesteuert, nicht zum Wohle des Menschen.

Die Vorteile des Föderalismus, gerade in Krisenzeiten, würde ich gern verstehen. Wer das nicht kann oder gar kritisiert, bekommt ganz schnell kostenlosen Staatsbürgerkunde-Unterricht erteilt; an föderalem Denken und Handeln will offenbar niemand rütteln.

Wer vor Augen geführt bekommen möchte, welche Entwicklung die Krise in Ländern genommen hat, die von Lautsprechern regiert werden, muss nur nach Großbritannien, Brasilien oder die USA schauen. Und sieht, dass ein "Gesundsheitssystem" made in USA Todesraten produziert, die für uns unvorstellbar sind. Wer unser Gesundheitswesen kritisieren möchte, sollte sich die Corona-Krise einmal im großen Maßstab anschauen. Wir haben die Anzahl der Intensivbetten auf 40.000 für gut 80 Mio. Bürgerinnen und Bürger erhöht, während in Madagaskar nicht 1000, nicht 100, sondern genau 1 (ein) Beatmungsgerät zur Verfügung steht. Für gut 25 Mio. Menschen (Quelle: Daniel Timme / UNICEF)

Angela Merkel ist eine vorbildlich arbeitende und mit viel Ruhe ausgestattete Kanzlerin, die weltweit hohes Ansehen genießt. Ich will gar nicht an die Zeit nach ihr denken. Trotz viel Anlass zu Kritik.
Paul Schneider  schrieb: 09.04.2020 07:18
Vom Zutrauen und Zumuten
"Die Politik neigt offensichtlich dazu, die Wirtschaft wie eine statistische Grossbehörde zu betrachen, die man eine Zeit lang schliessen kann und im Notfall mit Geld wieder aufhelfen kann", so eine Statement, dass sich kürzlich gelesen habe. In Wirklichkeit ist die Wirtschaft aber ein Organismus, der stirbt, wenn der Kreislauf nicht funktioniert. Ich kann das Verhalen unserer Regierung einfach nicht verstehen. Warum wurde nicht einmal der Vorschlag der Herdenimmunisierung in betracht gezogen, während man die Risikogruppe besonders geschützt hätte? Das gegenseitige Übertreiben mit Vorschlägen soll in erster Linie die Angst der Regierung mindern, nichts getan zu haben. Ich kann Heribert Prantl von der "Süddeutschen" nur zustimmen, der vor einer Stimmung warnt, die "die Grund- und Bürgerrechte in Krisenzeiten, als Ballast, als Bürde oder als Luxus betrachtet." Warum schützt man denn nicht einfach die Gefährdeten und riskiert die grösste Pleitewelle seit der Wirtschaftskrise von 1929? Und Jacob Augstein fordert zu recht, "die Rückkehr in die Normalität zu ermöglichen". "Ganz einfach, weil es nichts anderes gibt." Ich folge Christiane Noppen vom Europäischen Ethikrat, die in Zusammenarbeit mit ifo-Präsident Prof.Clemes Füst ein Studie vorgestellt hat, die eine Öffnung vorschlägt. Da bei enwirft sie eine Strategie, die Prioritäten nennen, welche Bereiche zuerst wieder geöffnet werden können. Und recht hat sie, wenn wir nach 2 Monaten einen wirtschaftlichen Einbruch von 14% befürchten müssen.
2 Kommentare
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