Kommentar zur Situation bei den Grünen
Parteitagsrede am kleinen Esstisch

Ein digitaler kleiner Parteitag als Rettungsanker in stürmischen Corona-Zeiten: Die Grünen wollen sich mit diesem neuen Format und einem Leitantrag für ein Corona-Elterngeld wieder nach vorne bringen: Sie starten am 2. Mai die Premiere in der deutschen Parteienlandschaft. „Wir wagen ein demokratisches Experiment“, verkündet Grünen-Bundesgeschäftsführer Michael Keller großspurig. Besonders basisdemokratisch dürfte es nicht zugehen – nur rund 100 Delegierte werden den Reden lauschen, die vom Esstisch aus gehalten werden.

Mittwoch, 29.04.2020, 03:00 Uhr aktualisiert: 29.04.2020, 05:02 Uhr
Annalena Baerbock und Robert Habeck sind die Bundesvorsitzenden von Bündnis 90/Die Grünen. Foto: dpa
Annalena Baerbock und Robert Habeck sind die Bundesvorsitzenden von Bündnis 90/Die Grünen. Foto: dpa

Die Grünen brauchen gute Schlagzeilen: Der Absturz aus großer Höhe tut weh. Angela Merkel heimst derzeit alle Erfolge der Corona-Bewältigung für sich ein . Mögen die Grünen in elf Landesregierungen auch konstruktiv mitmischen – sie kommen wegen der Berliner Oppositionsrolle nicht durch. Schuld daran haben auch die beiden Frontleute. Gerade wirkten Robert Habeck und Annalena Baerbock supercool – irgendwie sehen sie nun wie aus der Zeit gefallen aus.

Weltverbesserung ist zweitrangig geworden

Digitale Formate bergen Gefahren, wenn man nicht professionell agiert: Habeck patzte gerade bei einem Interview von zu Hause, weil sein Sohn „oben ohne“ durchs Bild schlurfte. Seine gefühligen Interviews über Einsamkeit im Homeoffice lassen ihn nicht als markigen Krisenmanager erscheinen, sondern als leicht verpeilten Softi.

Die Themen der Grünen sind die der akademischen, postmateriellen Gesellschaft. Man könnte bissig sagen: Luxusprobleme. Für viele Menschen geht es in der Krise jetzt um existenzielle Sorgen wie den Job und fehlende Schutzausrüstung. Weltverbesserung ist zweitrangig geworden. Der Umwelt geht es im Moment ohnehin besser, und keiner kauft mehr Öl.

Bernie Sanders in den USA hat die Corona-Krise gerade das Momentum geraubt – das Grassroots-Gefühl lebt vom Erlebnischarakter überfüllter Hallen. Auch die Grünen vergewissern sich bei Parteitagen gerne ihrer Identität als soziale Bewegung. Digital ist die Zukunft – doch können sie sich so die Aura der „spontanen Interaktion“ erhalten?

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