Kommentar zur Talfahrt am Arbeitsmarkt
Die Krise wird zum Motor

Die Prognosen waren düster, doch die Realität ist erschreckend: Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit machen sich in Deutschland während der Corona-Krise so schnell breit wie selbst von pessimistischen Wirtschaftsauguren nicht erwartet.

Donnerstag, 30.04.2020, 21:00 Uhr aktualisiert: 02.05.2020, 08:44 Uhr
Die Arbeitslosigkeit ist sprunghaft angestiegen. Foto: dpa
Die Arbeitslosigkeit ist sprunghaft angestiegen. Foto: dpa

Für über zehn Millionen Menschen wurde Kurzarbeit angemeldet – damit ist jeder dritte sozialversicherungspflichtig Beschäftigte potenziell von Arbeits- und Einkommenseinbußen betroffen. Erwartet worden war maximal eine Zahl von sieben Millionen Leidtragenden.

Doch damit nicht genug: Der Appell der Politik an die Unternehmen, in der Pandemie lieber auf Kurzarbeit statt auf Entlassungen zu setzen, hat nicht verhindert, dass auch die Zahl der Erwerbslosen im April um über zehn Prozent gestiegen ist. Vieles spricht dafür, dass diese verheerenden Zahlen in den kommenden Monaten weitere Schreckensmeldungen nach sich ziehen werden. Ein um 6,3 Prozent schrumpfendes Bruttosozialprodukt – wie von der Bundesregierung für 2020 erwartet – reißt zwangsläufig weitere Beschäftigungslücken auf.

Noch ist völlig unklar, ob selbst diese ungünstige Konjunkturprognose zu realisieren ist. Die anhaltende Zurückhaltung bei der Öffnung der Wirtschaft lässt Böses ahnen. Dennoch: Im internationalen Vergleich hat Deutschland mit der Kurzarbeit ein Werkzeug im Angebot, um das die Bundesrepublik von vielen Ländern beneidet wird.

In der Finanzkrise 2009 hat dieses Instrument seine Tauglichkeit unter Beweis gestellt. Die deutsche Wirtschaft ist damals wie Phönix aus der Asche in eine extrem lange Wachstumsphase zurückgekehrt. Doch die Corona-Krise stellt die gesamte Welt vor eine weitaus größere wirtschaftliche Herausforderung als alle bisherigen Niedergänge seit dem 2. Weltkrieg.

Deshalb bleibt nur zu hoffen, dass die meisten Unternehmen weiter ihren Mitarbeitern die Treue halten, also auf Kurzarbeit statt auf Entlassungen setzen. Langfristig wird die aktuelle Krise vor allem diejenigen Arbeitnehmer treffen, die geringqualifiziert oder gar ungelernt sind. Denn zahlreiche Betriebe entdecken aktuell das Potenzial einer schnelleren Digitalisierung. Krisen waren in der Vergangenheit immer Motoren des Fortschritts. Nur Arbeitnehmer, die dann das neue Innovationstempo mitgehen können, werden auf Dauer profitieren.

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