Kommentar zur Kritik an der Fleischindustrie
Den Blick verstellt

Seit Jahren weiß die Politik um die wahrhaft skandalösen Zustände für Beschäftigte in fleischverarbeitenden Betrieben. Hier und da wurden Vorschriften verschärft, aber nur halbherzig, und die Kontrolle war schlecht.

Montag, 18.05.2020, 21:03 Uhr aktualisiert: 19.05.2020, 15:02 Uhr
Halbierte Schweine hängen im Schlachthof an Haken. Zurzeit rücken die Arbeitbedingungen der Beschäftigten der Fleischindustrie massiv in den Fokus der Öffentlichkeit – gleichzeitig wird über die Preise für Fleisch diskutiert. Foto: dpa
Halbierte Schweine hängen im Schlachthof an Haken. Zurzeit rücken die Arbeitbedingungen der Beschäftigten der Fleischindustrie massiv in den Fokus der Öffentlichkeit – gleichzeitig wird über die Preise für Fleisch diskutiert. Foto: dpa

Zumindest so schlecht, dass in der Branche munter weitergetrickst werden konnte und sich an den Missständen nichts änderte. Vor allem viele Osteuropäer in Sub-Unternehmen erledigen für geringen Lohn einen Knochenjob. Wenn sie nicht im Schlachthof stehen, leben sie in Sammelunterkünften. Schlafräume sind überfüllt, Privatsphäre Fehlanzeige.

Politiker geben intern zu, dass Arbeitnehmer in kalten und nassen Fleischverarbeitungshallen oft nicht nur ausgebeutet werden, sondern schon nach wenigen Jahren zum Teil schwere Gesundheitsschäden haben. Hinzu kommen mangelnde hygienische Bedingungen in den Unterkünften. Diese fallen jetzt nur auf, weil in Zeiten der Pandemie der Ausbruch von Coronavirus-Infektionen in fleischverarbeitenden Betrieben nicht mehr zu kaschieren ist.

Das ist aber auch eine echte Chance. Die Bundesregierung muss am Mittwoch Vorschriften beschließen, die die Wohn- und Arbeitsbedingungen verbessern, unangekündigte (!) Kontrollen sicherstellen und saftige Strafen bei Verstößen bereithalten. Und Gemeinden vor Ort, die von der Gewerbesteuer großer Fleischbetriebe profitieren, müssen das unterstützen.

Und wir Verbraucher sind natürlich auch im Boot: Fleisch ist billig, wenn es massenhaft und eben möglichst billig produziert wird – die Folgekosten für Gesundheit und Klima nicht eingerechnet, was den Blick für den wahren Preis verstellt. Wir entscheiden beim Einkauf darüber. Damit das Töten und Verarbeiten der Tiere für Mensch und Tier noch etwas mit Würde zu tun hat, müssen alle umsteuern. Jetzt.

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