Kommentar zu Umfragewerte der CDU/CSU
Die guten Zahlen täuschen

So großen Zuspruch hat die Bundeskanzlerin zuletzt vor der Flüchtlingskrise 2015 erhalten. 71 Prozent der Deutschen sind aktuell mit der Arbeit von Angela Merkel (CDU) sehr zufrieden oder zumindest zufrieden. Ein Traumwert, der auch die Frage aufwirft, ob sich die Kanzlerin vorstellen könnte, doch noch einmal zu kandidieren. So geschehen jüngst in der ZDF-Sendung „Was nun, Frau Merkel?“. Angela Merkels Antwort allerdings war klar: „Nein. Wirklich nicht.“ Ihre Haltung zu dieser Frage stehe „ganz fest“.

Sonntag, 07.06.2020, 21:16 Uhr aktualisiert: 07.06.2020, 21:20 Uhr
Bundeskanzlerin Angela Merkel kommt zu einer Pressekonferenz im Bundeskanzleramt. Foto: John Macdougall/dpa
Bundeskanzlerin Angela Merkel kommt zu einer Pressekonferenz im Bundeskanzleramt. Foto: John Macdougall/dpa

Selbstbestimmt und in Würde aus dem Amt zu scheiden – das war immer Angela Merkels Ziel und lange schon war sie nicht mehr so dicht dran wie jetzt. Vor diesem Hintergrund ist ihre Absage nur konsequent. Noch dazu, wo auch „ihre“ CDU/CSU in den Meinungsumfragen wieder sehr viel besser dasteht. Die Demoskopen messen unisono Werte zwischen 38 und 40 Prozent für die Union.

Doch diese guten Zahlen täuschen und sie sind trügerisch. Denn während Angela Merkel beste Chancen hat, auch ihre vierte Legislaturperiode in Folge regulär zu Ende zu bringen und mit dann 16 Jahren im Amt zum ewigen Kanzler Helmut Kohl aufzuschließen, der sie einst in sein Kabinett holte, sind in der Union so ziemlich alle Zukunftsfragen offen. Vom unabsehbaren Verlauf der Corona-Pandemie und ih­ren Folgen in allen Lebensbereichen – vor allem aber in der Wirtschaft – ganz zu schweigen.

Die CDU hat eine Vorsitzende auf Abruf, die Wahl ihres Nachfolgers fiel fürs Erste der Corona-Krise zum Opfer. Nun soll sich im Dezember entscheiden, wer der glücklosen Annegret Kramp-Karrenbauer nachfolgt: Armin Laschet, Norbert Röttgen oder doch Friedrich Merz. In puncto Corona konnte sich allenfalls Laschet als NRW-Ministerpräsident beweisen, was so mittelprächtig gelang. Merz und Röttgen hingegen waren komplett zum Zuschauen verdammt – die politische Musik spielte eben woanders. Wie schwer diese Hypothek im Wettstreit um Parteivorsitz und Kanzlerkandidatur wiegt, wird sich erst noch zeigen müssen.

Wie auch abzuwarten bleibt, ob Markus Söder nicht doch seinen Hut in den Ring wirft. Unzweifelhaft gehört der bayerische Ministerpräsident und CSU-Chef zu den Politikern, die in der Corona-Krise am meisten an Format gewonnen haben. Ob das aber die Vorbehalte in der Union ge­genüber ei­nem CSU-Kandidaten für das Kanzleramt aufwiegt, steht auf einem anderen Blatt. Hinzu kommt: Mit seinen 53 Jahren muss Söder jetzt noch nicht alles riskieren. Anders als die drei CDU-Aspiranten hat der Franke Zeit und könnte es sich leisten, dieses Mal einem Anderen den Vortritt zu lassen.

Wie es aber auch kommt: Erst wenn die CDU ihren Vorsitzenden und kurz darauf die CDU/CSU zum Jahresbeginn 2021 ih­ren Kanzlerkandidaten gefunden hat, lohnt es sich, auf die Umfragewerte zu schauen. Und selbst wenn der Höhenflug der Union bis dahin anhält: Vom Januar bis zur Wahl im September sind es immer noch acht Monate. Das ist eine verdammt lange Zeit. Nur mal so zum Vergleich: Vor acht Monaten stand die CDU/CSU in der Sonntagsfrage bei 28 Prozent

Kommentare

Paul Schneider  schrieb: 08.06.2020 07:32
Gute Zahlen
Was die Kanzlerin so "beliebt" macht, ist ihre Art mit Hilfe von Notstandsgesetzen Krisensituationen zu beherrschen, da ansonsten Regierungen unvorbereitet sind und zudem der demokratische Meinungsbildungsprozess zu lange dauert. Und so wurden bestehende gesetzliche Regelungen, wie das Dublin-Verfahren, das Asylrecht und auch das Zuwanderungsrecht ausgesetzt oder finden keine Anwendung mehr. Es fand bisher kein "Einholen des poltischen Willens" in der Bevölkerung statt. Und trotzdem haben die CDU/CSU-Anhänger nicht das Gefühl, dass sie etwas verloren haben. Wie oft wurde schon das Platzen von Angela Merkel Wohlstandsillusion vorhergesagt? Wie oft wurde schon der Abgesang auf Merkel eingeleitet? Deutschland hat keine Regelung zur Amtsbegrenzung. Die Regierungskoalition steht. Das Volk vertraut dem Pandemie-Krisenmanagement. Und ob ihr Entschluss wirklich so feststeht, aus dem Amt zu gehen, darf bezweifelt werden. Denn in den 16 Jahren ihrer Kanzlerschaft hat sie bewiesen, wie schnell sie ihre Meinung ändern kann. Und noch eins. Keiner der Kandidaten um ihre Nachfolge versprüht Aufbruchstimmung, inhaltlich schon gar nicht. Keiner hat auch die Statur, auch Söder nicht, dann als Kanzer oder Kanzlerin international als Gewicht aufzutreten. Es gibt keine grosse Wahl zwischen den Alternativen.
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