Kommentar zum Bilanzskandal bei Wirecard
Vertrauen in Aktien ist erschüttert

Der Schaden für die Aktienkultur in Deutschland ist enorm. Ausgerechnet Wirecard – eines der wenigen aufstrebenden und innovativen Unternehmen im Aktienleitindex Dax – erschüttert das ohnehin spärliche Vertrauen der deutschen Privatanleger in Wertpapiere als Altersvorsorge. In nur zwei Handelstagen hat der Finanztechnologiedienstleister 80 Prozent seines Werts eingebüßt.

Sonntag, 21.06.2020, 21:00 Uhr aktualisiert: 22.06.2020, 08:28 Uhr
Markus Braun, Vorstandsvorsitzender von Wirecard, tritt im Zuge des Bilanzskandals bei dem Dax-Konzern zurück. Foto: dpa
Markus Braun, Vorstandsvorsitzender von Wirecard, tritt im Zuge des Bilanzskandals bei dem Dax-Konzern zurück. Foto: dpa

Dieser beispiellose Kursrutsch eines Dax-Unternehmens ist ein Spiegelbild der Ausmaße des Bilanzskandals, den derzeit offenbar nicht einmal der Wirecard- Vorstand selbst umfassend überblicken kann. Fast zwei Milliarden Euro gelten urplötzlich als verschollen. Ob sie in dunklen Kanälen versickert sind oder niemals existiert haben, müssen die nächsten Tage und Wochen zeigen.

Heuchlerisch oder naiv

So oder so ist die angeblich überraschte Wirecard-Führungsetage alarmierend. Entweder ist sie heuchlerisch oder aber in höchstem Maße naiv. Es handelt sich schließlich um ein Viertel der Bilanzsumme des Unternehmens. Als gesichert gilt derzeit nur, dass das Geld niemals auf den Konten der beiden asiatischen Banken angekommen ist. Für Wirecard geht es nun um nichts anderes als die nackte Existenz. Selbst wenn das Unternehmen seine kreditgebenden Banken davon überzeugen kann, nicht von dem Sonderkündigungsrecht der Kreditlinien Gebrauch zu machen, ist das gerade in der Finanzbranche so wichtige Kundenvertrauen erst einmal verspielt.

Zumal es nicht das erste Mal Zweifel an dem Geschäftsgebaren des Dax-Konzerns gibt. Seit Jahren wurden immer wieder Gerüchte über Unregelmäßigkeiten laut, gefolgt von Shortattacken durch Hedgefonds, die auf fallende Kurse wetten. Im April 2019 brachte zudem eine Serie kritischer Artikel der Financial Times das Unternehmen in große Erklärungsnöte. Spätestens zu diesem Zeitpunkt hätten Anleger hellhörig werden und das Weite suchen müssen.

Mahnendes Beispiel

Kritische Fragen muss sich in diesem Zusammenhang aber auch die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) gefallen lassen. Hätte die Aufsichtsbehörde die aufgeblähten Bilanzen früher bemerken müssen? Geht man davon aus, dass das Geld nicht erst seit ein paar Tagen fehlt, und berücksichtigt man die Recherchen der Financial Times, ist dies der Fall.

Privatinvestoren sollte dieser Fall ein mahnendes Beispiel sein. Niemals sollten sie einen Großteil ihres Kapitals auf Einzelwerte setzen. Ein breit aufgestelltes Depot ist jedoch nach wir vor die beste Absicherung gegen Altersarmut.

Kommentare

Paul Schneider  schrieb: 22.06.2020 08:29
Börse
Nichts befeuert die Phantasie der Börsianer stärker als steigende Kurse. Je länger die Aktienpreise steigen, desto zuversichtlicher werden die Anleger, dass der Aufwärtstrend anhalten wird. Aber wirecrad macht es wieder einmal deutlich. Banalitäten wie die fundamentale Bewertung, Risikozahlungen oder schwache Wirtschaftsdaten können euphorisierte Börsianer nicht beieindrucken. Auch bei wirecrad waren sie in Feierlaune und der Überzeugung, dass diese Party niemals enden wird. Bei wirecad waren sie wieder einmal sehr "bullisch". Ja, bis KPMG auf Wunsch von wirecard eine Sonderprüfung des Zahlungsdienstleister vornahm, der wirecrad von allen Vorwürfen hinsichtlich Bilanz und Governance freisprechen sollte. Doch der Plan ist gescheitert. Die Prüfbericht ist ein "K.O." für den Realitätssinn und das Urteilsvermögen der Verantwortlichen. Der Bericht zeichnet ein Bild eines Konzerns, der unprofessionell agiert, in Teilen schlampig und allenfalls halbherzig an Transparenz sowie Aufklärung interessiert ist. Wenn man dem Prüfbericht verfolgt, dann stellt sich die Frage, welche Blackbox noch dahinter steht.
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