Meinung
Eine Blamage für das Parlament

Es ist keinem Bürger mehr zu erklären, warum es dem Bundestag nach Jahren der Diskussion nicht gelingt, das Wahlrecht so zu reformieren, dass das Parlament wieder auf die vorgesehene Zahl von rund 600 Abgeordneten schrumpft. Diese Zahl ist übrigens schon üppig bemessen für ein Land mit 83 Millionen Einwohnern. Aktuell haben wir das zweitgrößte Parlament der Welt, nur der Volkskongress der Chinesen versammelt mehr Menschen.

Sonntag, 28.06.2020, 21:26 Uhr aktualisiert: 28.06.2020, 21:32 Uhr
Ohne Stuhlreihen und Teppichboden: der Plenarsaal im Deutschen Bundestag im Juli 2019. Foto: Wolfgang Kumm/dpa
Ohne Stuhlreihen und Teppichboden: der Plenarsaal im Deutschen Bundestag im Juli 2019. Foto: Wolfgang Kumm/dpa

Keine Frage: Eine Demokratie, die etwas auf sich hält, braucht ein gut ausgestattetes und mächtiges Parlament. Aber Qualität bemisst sich bekanntlich nicht in Größe. Im Gegenteil: Je mehr der Bundestag anschwillt, desto mehr wächst auch die Gefahr, dass er arbeitsunfähig wird, dass die internen Abstimmungsprozesse immer langwieriger werden und sich die Abgeordneten gegenseitig auf den Füßen herumstehen. Ganz abgesehen davon, sei angemerkt, dass das Parlament von Steuergeldern finanziert wird. Der nächste Wahltermin kommt nicht überraschend. Umso peinlicher ist es für den Bundestag und seine Protagonisten, dass es nicht gelungen ist, sich auf eine Reform des Wahlrechts zu einigen. Zumal die Debatte schon aus der vergangenen Wahlperiode in diese vertagt worden ist.

Es geht um mehr als um die Frage, ob im kommenden Bundestag 600, 700 oder 800 Abgeordnete sitzen. Bei der Wahlrechtsreform steht auch die Glaubwürdigkeit der Demokratie in Frage. Wenn es nötig ist, den Bürger etwas zuzumuten, ist bislang immer eine Einigung gefunden worden. Wenn es aber darum geht, dass sich Parteien etwas zumuten müssen, fehlt die Entschlusskraft.

Um die Schuldigen beim Namen zu nennen: Die am wenigsten rühmliche Rolle in diesem Trauerspiel nimmt die CSU ein. Ohne eine Zusammenlegung von Wahlkreisen wird man das Problem nicht in den Griff bekommen. Die CSU ist aber nicht bereit, auch nur auf ein einziges Mandat zu verzichten. Gewiss: Die Direktmandate sind wichtig, damit Bürger Kontakt zu den Bundestagsabgeordneten pflegen können. Doch wenn sich das Wahlverhalten ändert und es mehr und stärkere Parteien gibt, die fast ausschließlich über Liste in den Bundestag einziehen, dann können die Abgeordneten diesen Wandel nicht durch Blockade der Reform aufhalten.

Sollte 2021 nach altem Wahlrecht gewählt werden, wird der Schaden für den Politikbetrieb insgesamt durch die dadurch steigende Parteienverdrossenheit groß sein.

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