Meinung
Der Geist ist willig

Deutschlands Verbraucher waren bisher fixiert auf das Minuszeichen. Preisreduzierung war wichtiger als Qualitätssteigerung. Nicht allen, selbstverständlich. Aber doch der Mehrheit. Es kommt eben nicht von ungefähr, dass die Discounter im Nachkriegsdeutschland erfunden wurden.

Sonntag, 28.06.2020, 22:29 Uhr aktualisiert: 28.06.2020, 22:38 Uhr
Halbierte Schweine im Schlachthof. Foto: Mohssen Assanimoghaddam/dpa
Halbierte Schweine im Schlachthof. Foto: Mohssen Assanimoghaddam/dpa

Das ist allerdings lange her. 75 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs könnte sich das Einkaufsverhalten vielleicht ändern – jedenfalls, wenn man entsprechenden Kommentaren auf der Straße und in sozialen Medien Glauben schenkt.

„Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach“ heißt es schon bei Matthäus in der Bibel. Und überhaupt: Was ist Qualität? Bei Nahrungsmitteln ist sie zuerst Geschmackssache. Sollte man meinen. Oder in der Realität? Nicht jeder schmeckt sofort den Unterschied zwischen Bio- und herkömmlichem Fleisch. Zudem können die wenigsten dem Produkt den Geschmack beim Einkauf im Supermarkt ansehen. Sehen kann man die Größe eines Schnitzels oder Steaks und sie mit dem Preis vergleichen.

Lebensmittel-Anteil an Konsumausgaben stark gesunken

1950 flossen 44 Prozent der Konsumausgaben deutscher Haushalte in Lebensmittel, 2019 waren es 14 Prozent. Sicher, der Handel hat seine Werbung auf Preisrabatte fixiert. Doch das ist allein nicht der Grund, warum „Billig“ in Deutschland bislang noch so hoch im Kurs steht. „Billig“ stand auch lange Zeit in Teilen der Gastronomie an erster Stelle. Je mehr Fleisch auf dem Hamburger oder Döner, desto besser und beliebter. Doch hat hier der Wandel genauso angefangen wie hoffentlich im Lebensmittelhandel.

Qualität bei Nahrungsmitteln ist, wie man heute feststellen muss, nicht nur eine Frage des Geschmacks. Qualität ist vor allem eine Frage der Produktionsweise. Es beginnt beim Landwirt und endet nicht im Schlachthof.

Die Diskussion darüber geht schon lange. Sie drehte sich bisher vor allem um Tierschutz. Die Corona-Krise sorgt auf dem Weg über die Schlachtbranche dafür, dass jetzt auch Menschenschutz thematisiert wird – sprich: der Schutz der ausländischen Beschäftigten bei Subunternehmen. Sozialpolitikern wie Hubertus Heil (SPD), Karl-Josef Laumann, Elmar Brok (beide CDU) sind die Werkverträge in der Fleischindustrie schon lange ein Dorn im Auge. In der Vergangenheit drangen sie nicht durch. Gut, wenn sich das jetzt ändert .

Bauern nicht vergessen!

Bei alledem sollte der Schutz der heimischen Bauern nicht vergessen werden. Auch sie haben ein Anrecht auf faire Rahmenbedingungen, bei denen ihre Höfe überleben können, und auf angemessene Entlohnung. Ob das durch gezielte Subventionen oder gesetzliche Vorgaben für den Handel geschieht, ist zweitrangig. Zertifizierungen als guter dritter Weg funktionieren bedingt bei Natur- und Tierschutz. Beim Schutz der Angestellten von Subunternehmen nicht.

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