Kommentar zur Hagia Sophia
Ein Präsident gibt den Sultan

Hier wurden einst die Kaiser von Byzanz gekrönt. Hier versammelten sich die verängstigten Bewohner der Stadt, als die Truppen des Sultans Mehmet II. 1453 zum Sturm auf Konstantinopel ansetzten.

Sonntag, 12.07.2020, 21:19 Uhr aktualisiert: 13.07.2020, 05:02 Uhr
Blick auf die Hagia Sophia in Istanbul. Foto: dpa
Blick auf die Hagia Sophia in Istanbul. Foto: dpa

Und heute? Heute zeigt sich am Umgang mit dem beeindruckenden Bauwerk symptomatisch, wie weit sich die Türkei unter dem zunehmend islamistisch agierenden Erdogan von der westlich orientierten Republik entfernt hat, die ihr Gründer Kemal Atatürk einst auf den Trümmern des Osmanischen Reiches errichtete.

Atatürk machte – beeinflusst von der Idee des Laizismus – aus der Moschee 1934 ein für Menschen jeden Glaubens zugängliches Museum, Erdogan führt die Türkei immer weiter zurück zu einem islamischen Staat. Präsident Erdogan lässt sich von seinen Anhängern feiern. Doch die provokative Rückumwandlung zeigt zugleich, wie angeschlagen der einstige Hoffnungsträger inzwischen ist. Der Mann, der sich in seinem Prunk-Palast gerne mit Lakaien in osmanischen Uniformen präsentiert, braucht den propagandistischen Erfolg, der seine islamisch- konservative Anhängerschaft hinter ihm vereint, weil er ansonsten nicht (mehr) viele Erfolge vorzuweisen hat.

Die Wirtschaft liegt am Boden – nicht allein wegen der Corona-Krise. Politisch ist die Türkei – einst ein Stabilitätsanker des Westens in unruhigem Umfeld – zum unberechenbaren Akteur geworden. In Syrien, im Irak hilft Erdogan nicht bei der Befriedung, sondern sorgt für zusätzliche, gefährliche Konflikte. Aus der einst propagierten Devise vom Frieden mit allen Nachbarn ist Streit mit (fast) allen Nachbarn geworden. Erdogans Irrlichtern zwischen dem Nato-Partner USA und Russland sorgt für zusätzliche Verwerfungen. Eine EU-Mitgliedschaft, von der die Türken wirtschaftlich und politisch profitieren würden, ist inzwischen nicht mehr vorstellbar: Ein Land mit gleichgeschalteter Presse, gleichgeschalteter Justiz, in dem keinerlei Rechtssicherheit besteht und Opposition oft im Gefängnis endet, hat keinen Platz in dieser Wertegemeinschaft.

Es ist eine Schande. Noch einmal versucht Erdogan mit der Umwandlung der Hagia Sophia zur Moschee die Türken hinter sich zu einen. Er will – wie so oft – an die Größe des osmanischen Reiches anknüpfen. Der Präsident gibt den Sultan. Für diese Propaganda nimmt er erhebliche Risiken auf sich. Er provoziert Russland, mit dem er in Syrien eine Einigung finden muss. Er verärgert die EU, deren Touristen und Aufträge er aus wirtschaftlichen Gründen dringend braucht. Die Istanbuler Provokation verlangt eine klare Antwort aus Brüssel und aus Berlin.

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