Kommentar zur gesellschaftlichen Dimension des Corona-Ausbruchs bei Tönnies
Eine Krise mit vielen Facetten

Der Corona-Ausbruch beim Fleischkonzern Tönnies steht nicht nur für Deutschlands größtes singuläres Infektionsgeschehen. Der Fall Tönnies hat viele Facetten und Folgen: mehr als 1400 infizierte Mitarbeiter, rund 15.000 Menschen in Quarantäne, 640.000 Bürger sowie unzählige Betriebe in den Kreisen Gütersloh und Warendorf im Lockdown-Leiden. Die schwerste Krise in der Geschichte des Milliardenkonzerns. Eine gesellschaftliche Debatte um Lebens- und Arbeitsbedingungen osteuropäischer Werkvertragsarbeiter. Politischer Schlagabtausch zwischen den Parteien. Und die Frage der Angemessenheit von Maßnahmen im Corona-Kampf.

Dienstag, 14.07.2020, 20:41 Uhr aktualisiert: 14.07.2020, 20:52 Uhr
Rheda-Wiedenbrück: Wolken spiegeln sich in einer Scheibe am Tönnies-Werksverkauf-Gebäude. Foto: Guido Kirchner/dpa
Rheda-Wiedenbrück: Wolken spiegeln sich in einer Scheibe am Tönnies-Werksverkauf-Gebäude. Foto: Guido Kirchner/dpa

All das hat sich am Ende auf einen Namen kapriziert: Tönnies. Der Konzern und sein Boss, Clemens Tönnies, stehen im Zentrum der Kritik. Natürlich trägt das Unternehmen und trägt der Unternehmer Verantwortung und Mitschuld an der Misere. Aber die ganze Schuld hier abzuladen, ist viel zu einfach. Die Politik – mit den verschiedenen Lagern auf unterschiedlichen Ebenen und zu wechselnden Zeiten in Regierungsverantwortung – hat ihren Anteil. Ob CDU, FDP, SPD oder Grüne – allen waren die Zustände rund um die Werkvertragsarbeit seit Jahren bekannt. Manches hat sich zwischenzeitlich zwar verbessert, woran auch Tönnies als Branchenprimus mitgewirkt hat. Aber natürlich ist die Situation weiterhin alles andere als gut, gibt es nach wie vor beklagenswerte Missstände.

In der Corona-Krise sind die Probleme nun wie unter einer Lupe überdeutlich geworden. So offensichtlich, dass die Politik nun Konsequenzen ziehen statt Kompromisse machen will. Werkverträge in Kernbereichen der Fleischbranche sollen zum Jahreswechsel verboten werden. Das ist eine richtige, eine wichtige Entwicklung. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die Lage in anderen Branchen ähnlich ist.

Entscheidend ist jetzt aber auch, dass vor allem der mächtige Handel und wir alle als Verbraucher diesen Wandel mitmachen. Er wird am Ende mit höheren Kosten und damit höheren Fleischpreisen verbunden sein. Das muss es allen wert sein.

Dabei ist das Werkvertragssystem für den Corona-Ausbruch bei Tönnies wohl gar kein großer Faktor gewesen. Viel spricht dafür, dass die Lüftungsanlage im Fleischwerk zur ­Virenschleuder wurde . Ob der Konzern und seine Chefs nicht nur moralisch, sondern auch strafrechtlich verantwortlich sind, muss die Justiz bewerten.

Die Corona-Krise im Kreis Gütersloh hat aber auch deutlich gemacht, dass die Politik im Kampf gegen das Virus nachsteuern muss. Maßnahmen an Kreisgrenzen festzumachen, hat sich als untaugliche – und ab einem gewissen Punkt auch unzulässige – Fehlkonstruktion erwiesen.

 

Kommentare

Thomas H.  schrieb: 17.07.2020 11:24
Sind wir die Deutschen zu gutgläubig?
In Österreich, in Dänemark, in Schweden, in Finnland, in den Niederlanden, in Norwegen, in der Schweiz und in vielen anderen Ländern gibt es keine Maskenpflicht. Dort gibt es das gleiche Virus wie bei uns! Ich frage mich dann, was hat Maskenpflicht mit der Pandemi zutun?
Sind wir die Deutschen zu gutgläubig und naiv, dass wir alles glauben, was die Regierung uns über die Pandemie erzählt? Wenn tatsächlich COVID-19 so gefährlich wäre, warum haben andere Länder andere Entscheidungen getroffen? Ich glaube, dass die anderen Länder schon die richtige Entscheidung getroffen haben und unsere Regierung völlig auf dem Holzweg ist. Der Preis dafür zahlen die Bürger*innen täglich...!
Andreas.  schrieb: 15.07.2020 22:32
Problem Maskenpflicht: als Asthmatiker wergen ich diskriminiert.
Diskriminierung wegen Maskenpflicht.
Ich bin Asthmatiker und habe ich auch Attest vom Arzt. Man hat mich in TK-MAX in Hannover nicht reingelassen, obwohl in meinem Attest steht, dass ich keine Munsnasebedeckung tragen kann. Ich habe deshalb die Polizei angerufen, aufgrund des Vertoßes gegen des Artikel 3 des Grundgesetzes (§ 3 GG) und des Vertoßes gegen AGG. Nach 35 Minuten kam dann die Polizei. Herr Polizist meinte, TK-MAX hat Hausrecht und kann selbst entscheiden, ob jemand in den Geschäft reinkommt oder nicht! Als ich auf das Grundgesetz und AGG hingewisen habe, meinte trotzdem der Polizist, dass er keine Anzeige aufnehmen kann, da keinen Vertoß gegen das Gesetz vorliegt. Stattdessen hat er meine Daten aufgenommen. Mit der Mitarbeiterin im Geschäft, die mich nicht in Geschäft reingelassen hatte, hat er gar nicht gesprochen. Ich frage mich: leben wir immer noch in einem Rechtsstaat, wo das Grundgesetz die Menschen mit gesundheitlicher Einschränkung schützt, oder Bürgerrechte ade???
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