Kommentar zum Stutthof-Prozess
Ein notwendiges Urteil

Ein 93-jähriger Greis vor Gericht gestellt werden, für etwas, das er als 17-Jähriger getan hat? Aber: Nicht mehr als eine Bewährungsstrafe für Beihilfe zum Mord – zu mehr als 5000 Morden? Zwischen diesen beiden Fragen, diesen beiden Polen, dürften sich die Reaktionen auf das Stutthof-Urteil bewegen.

Freitag, 24.07.2020, 13:14 Uhr aktualisiert: 24.07.2020, 13:18 Uhr
Hamburg, 17. Juli 2020: Der 93 Jahre alte ehemalige SS-Wachmann des Konzentrationslagers Stutthof bei Danzig wird in einen Saal des Landgerichts geschoben. Foto: Daniel Bockwoldt/dpa
Hamburg, 17. Juli 2020: Der 93 Jahre alte ehemalige SS-Wachmann des Konzentrationslagers Stutthof bei Danzig wird in einen Saal des Landgerichts geschoben. Foto: Daniel Bockwoldt/dpa

Die Antwort: Ja, zu beidem. Ja, es ist richtig, den 93-Jährigen vor Gericht zu stellen. Die Überlebenden, die als Kinder und Jugendliche in Stutthof gequält wurden, leiden bis heute. Für sie gab und gibt es keine Verjährung. Die Opfer haben ein Anrecht darauf, dass die Untaten, die sie erleiden und beobachten mussten, vor aller Öffentlichkeit verhandelt, als Verbrechen anerkannt, die Täter abgeurteilt werden. Das schuldet die Gesellschaft den Opfern.

Der Holocaust hat nicht mit Auschwitz begonnen

Sie schuldet es aber auch sich selbst. Diese Verbrechen dürfen um der Zukunft willen nicht vergessen werden. In diesem Prozess geht es zwar vor allem um die persönliche Schuld eines 93-Jährigen. Doch es geht auch darum, wohin Hass und Hetze führen. Der Holocaust hat nicht mit Auschwitz begonnen, nicht mit der Pogromnacht 1938, er hat mit der ersten Ausgrenzung begonnen, dem ersten Schild „Juden unerwünscht“. Erst kam die Ausgrenzung, dann die Entrechtung, am Ende erst der Mord.

„Ich habe keine Schuld, was damals passiert ist“, hat Bruno D. im Prozess gesagt. „Ich habe dazu nichts beigetragen, außer dass ich Wache gestanden habe. Aber dazu wurde ich gezwungen, das war Befehl.“ Ja, er hat nicht selbst gemordet. Er war nicht mehr als ein Rädchen in der Maschine. Aber ohne Rädchen wie den Angeklagten hätte die NS-Mordmaschinerie nicht funktioniert, darauf hat der Frankfurter Staatsanwalt Fritz Bauer schon im Zusammenhang mit den ersten NS-Prozessen hingewiesen.

Deutsche Richter und Staatsanwälte haben es zu lange versäumt, gegen NS-Täter vorzugehen

Leider hat es Jahrzehnte gedauert, bis sich diese Überzeugung in der Justiz durchgesetzt hat. Ohnehin haben deutsche Richter und Staatsanwälte es lange, viel zu lange, versäumt, gegen NS-Täter vorzugehen. Das ist ein Grund dafür, dass heute Greise vor Gericht stehen.

Hätte Bruno D. sich dem Mitwirken an den Verbrechen entziehen können? Er hätte sich versetzen lassen können. Das hätte Mut erfordert, viel Mut und zudem Einsicht in die eigene Rolle – von beidem vielleicht mehr, als man von einem 17-Jährigen erwarten kann. Andererseits kennen Historiker keinen Fall, in dem ein solcher Versetzungsantrag wirklich lebensgefährliche Konsequenzen gehabt hat. Insofern ist die Bewährungsstrafe angemessen. Wichtig ist die Verurteilung.

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