Kommentar zum Parteitag der Republikaner
Die Chance des Donald Trump

Wenn heute der Nominierungsparteitag der Republikaner beginnt, um am Donnerstag Donald Trump zum Spitzenkandidaten zu küren, darf eines nicht vergessen werden: Der 74-Jährige ist nicht nur ein unberechenbarer Instinkt-Politiker, der seit 2016 alle Konventionen über den Haufen geworfen hat. Er ist auch ein ehemaliger Reality- TV-Showman, der von gekonnten Selbst-Inszenierungen sicher mehr versteht als die Demokraten, deren Veranstaltung letzte Woche teilweise einschläfernde Wirkung hatte.

Montag, 24.08.2020, 02:00 Uhr aktualisiert: 24.08.2020, 05:05 Uhr
Beim Nominierungsparteitag wollen die Republikaner Donald Trump zum Spitzenkandidaten küren. Foto: dpa
Beim Nominierungsparteitag wollen die Republikaner Donald Trump zum Spitzenkandidaten küren. Foto: dpa

Die Opposition beging bei ihrem Parteitag einen Kardinalfehler, der nun die Tür für den in Umfragen meist deutlich hinter Joe Biden zurückliegenden Trump noch einmal weiter als erwartet geöffnet hat. Die Demokraten machten „Ungerechtigkeit“ und „systemischen Rassismus“ zum Kardinalthema ihres virtuellen Treffens – und schlugen mit einer unerbittlichen Wucht auf ihr eigenes Land ein. Und diese „Finsternis“ (Joe Biden) und die dystopischen Beschreibungen aus dem Mund des politischen Gegners sind nun die Chance für Donald Trump.

Er kann der Aufzählung der großen amerikanischen Sünden der Neuzeit – Fremdenhass, Rassismus, Polizei- Brutalität, Sexismus, Waffenwahn und vieles andere mehr – das entgegensetzen, was bei den Demokraten zu kurz kam: Positive Visionen und ein klares politisches Programm. Donald Trump ist zwar nicht die Figur, die aufgrund seiner persönlichen Defizite dies glaubwürdig so vermitteln kann, dass er demokratische Stammwähler in sein Lager zieht.

Doch auf die kommt es ohnehin nicht an. Was zählt, sind jene gerne die politischen Lager wechselnden Bürger in einigen wichtigen Bundesstaaten wie Michigan, Ohio oder Pennsylvania, die 2016 die Wahl für den Republikaner entschieden. Demoskopen weisen derzeit darauf hin, dass Joe Biden am 3. November mit großer Sicherheit die Mehrheit aller Stimmen im Land erhalten wird. Dies gelang auch Hillary Clinton vor allem aufgrund der liberalen Kräfte in Kalifornien und der Staaten an der Ostküste. Es sind Menschen, die Trump problemlos als „Sozialisten“ und „Marxisten“ abstempeln kann, ohne einen Bumerang-Effekt fürchten zu müssen.

Solche Parolen kosten ihn keine Wählerstimmen, sondern stimulieren jene treue Trump-Basis von rund 35 Prozent, die ihm ohnehin niemals den Rücken kehren wird. Addiert nun der Präsident noch einige zugkräftige Programme wie beispielsweise ein Wiederbelebungs-Paket für die Wirtschaft nach dem Abklingen der Pandemie, würde er damit eine scharfe Trennlinie zu Biden ziehen, dessen Wahlsieg vor allem Steuererhöhungen zu einem extrem ungünstigen Zeitpunkt bedeuten würde. Denn vieles spricht dafür, dass die Demokraten in den beiden Kammern des Kongresses zulegen und vielleicht sogar Senat und Repräsentantenhaus dominieren werden.

Kommentare

Paul Schneider  schrieb: 24.08.2020 08:11
Chance
Ich kann dem Kommentator nur zustimmen. Was der Parteitag der Demokraten dort abgeliefert hat, war eine Farce. Wer die schweigende Mehrheit in den USA auf seiner Seite hat, wird immer wieder gewinnen. Die Millionen von Amerikanern der Arbeiterklasse, die jeden Tag schuften müssen, nur um Essen auf dem Tisch zu haben, die Rechnungen bezahlen müssen und Verantwortung für ihre Familien tragen, sehen Trumps Verhalten in Zeiten der Pandemie nicht so, wie es seine politischen Gegner sehen. Trump hat ihre Sorgen und Nöte erkannt und den Lockdown hinausgeschoben. Wir werden Trumps grossartige Performance-Fähigkeiten erleben. Und er wird wieder kräftige Statements von sich geben und viele Menschen werden sich wieder einmal damit identifizieren. Trump ist ein Mann ohne Ideologie oder kohärentes Konzept. Er will Amerika nur wieder gross machen. Und das wird auch Zeiten der Pandemie ziehen. Auch wenn das meiste Show ist, ist der Ton echt. Trump ist ein gerissener Beobachter und Ausschlachter der menschlichen Natur. Sein Handwerk ähnelt dem eines Hochstablers. Und das beherrscht er brilliant. Amerikaner lassen sich während des Wahlkampfes von Persönlichkeiten und extremer Tagespolitik fesseln. Und bis zur Wahl kann und wird noch einiges geschehen.
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