Kommentar zu den Protesten in Belarus
Die große Gefahr der Eskalation

Die Bilder aus Belarus zeigen es deutlich: In der ehemaligen Sowjetrepublik fordert die Zukunft die Vergangenheit heraus. Vor allem junge Menschen geben der Demokratiebewegung ihren Schwung.

Sonntag, 23.08.2020, 21:08 Uhr aktualisiert: 23.08.2020, 21:30 Uhr
In Belarus protestieren die Menschen gegen Alexander Lukaschenko. Foto: dpa
In Belarus protestieren die Menschen gegen Alexander Lukaschenko. Foto: dpa

Frauen wollen nichts mehr wissen von Männern wie Alexander Lukaschenko, dessen postsowjetisches Patriarchat längst zu einer Karikatur geronnen ist. Die Jungen sind neugierig auf die Welt und das Leben. Sie wollen sich nicht länger einsperren lassen. Erst recht wollen sie sich nicht vorschreiben lassen, wie sie zu leben haben.

Aber auch unter den Älteren sind es die Klugen und die Kreativen, die nach mehr Freiheit rufen. Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch (73) ist nicht zufällig das prominenteste Gesicht im Koordinierungsrat der Opposition.

Lukaschenko dagegen setzt auf Prügel und Folter, auf Zwang und Zerstörung. Damit ist kein moderner Staat mehr zu machen. Erst recht gilt das für die sowjetnostalgische Kolchosen- und Planwirtschaft, auf die der Diktator noch immer vertraut. Das Internet dagegen lässt er zensieren und blockieren, wo er nur kann.

Doch auch da sind ihm die Jungen weit voraus. Der „Marsch des neuen Belarus“ organisierte sich am Sonntag an allen virtuellen Sperren vorbei. All das wiederum heißt nicht, dass die Zukunft in der belarussischen Gegenwart zwangsläufig triumphiert.

In der real existierenden Welt des postsowjetischen Raums mit ihren Betonköpfen und den zementierten Machtstrukturen kann ein Mann von gestern wie Lukaschenko seinen letzten Kampf durchaus noch einmal gewinnen. Mit gnadenloser Gewalt. Zur Not mit Hilfe des Militärs. Der Diktator selbst ist zum Äußersten entschlossen. Lieber werde er sterben als zurückweichen, hat er zuletzt immer wieder erklärt. Und Lukaschenko meint es ernst. Das hat er in den vergangenen 26 Jahren seiner Herrschaft oft genug bewies. Deswegen bleibt die Gefahr einer Eskalation hoch.

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