Kommentar zum Trump-Gastspiel in Kenosha
Kurzbesuch mit Kalkül

Eigentlich wird es von einem Präsidenten erwartet, dass er nach Katastrophen, Unruhen oder Tragödien die betroffenen Städte besucht. Etwas anderes ist es, wenn ein Präsident Teil des Problems ist und mit seiner Visite die angespannte Situation noch verschärfen könnte.

Mittwoch, 02.09.2020, 22:09 Uhr
US-Präsident Donald Trump. Foto: dpa
US-Präsident Donald Trump. Foto: dpa

Doch Trump hat die Bitten des Bürgermeisters und des Gouverneurs ignoriert, auf die Reise nach Kenosha zu verzichten. Denn ohne Rücksicht auf Verluste ordnet er alles einem Thema unter: seine Wiederwahl am 3. November. Da darf er sich gerade in einem umkämpften Bundesstaat wie Wisconsin keine Schwäche erlauben.

Die Kurzvisite in Kenosha ist für Trump ein Teilerfolg. Das Kalkül ist aufgegangen, sein Wahlkampfthema „Recht und Ordnung“ und seine Warnung vor Gewalt und Chaos in den von den Demokraten regierten US-Städten noch mehr in den Fokus zu rücken. Dass er damit zu einer noch stärkeren Polarisierung der Gesellschaft beiträgt, nimmt er billigend in Kauf. Denn Trump lenkt so wenige Wochen vor dem wegweisenden ersten TV-Duell mit seinem Kontrahenten Joe Biden von seinem Missmanagement in der Corona-Krise ab.

Trump hat nur eine Chance auf einen Verbleib im Weißen Haus, wenn das Thema Sicherheit und nicht Corona wahlentscheidend ist. Dabei lassen Trumps Besuch in Kenosha und seine unsäglichen Äußerungen im Vorfeld Böses ahnen für eine zweite Amtszeit. Die gesellschaftliche Spaltung würde sich noch verstärken. Als Versöhner ist Trump ohnehin nicht aufgefallen. Im Gegenteil: Er will die Rassismus-Konflikte nicht beenden, sondern daraus Profit ziehen. So verzichtet er auf Differenzierungen: Er bezeichnet die „Black lives matter“-Bewegung als „marxistisch“. Die Ausschreitungen in Kenosha sind für Trump „inländischer Terrorismus“.

Dagegen verteidigt er den Mann, der in Keno- sha zwei Demonstranten erschossen haben soll – und bezeichnet seine Anhänger in Portland, die Demonstranten mit Paintball-Gewehren beschossen, als friedliche Patrioten. Gewalttätige Proteste müssen verurteilt werden, egal von welcher Seite sie kommen. Das hat auch Joe Biden deutlich gemacht. Doch Trump inszeniert sich als alleiniger Garant für Recht und Ordnung im Land. Dabei hat er mit seiner Rhetorik dazu beigetragen, dass die Unruhen in US-Städten nicht abebben. Jetzt muss Biden die Amerikaner davon überzeugen, dass nur er das Land versöhnen und die Gewalt verstummen lassen kann.

Kommentare

Paul Schneider  schrieb: 03.09.2020 08:18
Trump
Die Vereinigten Staaten stehen in Flammen. Die Lage spitzt sich in fast allen Gross-Städten des Landes zu. Und Trump befindet sich im Endkampf. Die Frage ist: Warum? Ihm müsste doch klar sein, das er schon lange gegen den "Tiefen Staat" verloren hat. Aber verlieren gehört nicht zum Vokabular von Trump. Stattdessen zeigt er starke Emotionen und hofft, dass die Zuschauer genau so fühlen. Er ist ein grossartiger Performance-Künstler, der glaubt, dass er besser ist als alle anderen. Er ist ein gerissener Beobachter und Ausschlachter der menschlichen Natur. Sein Handwerk ist das Hochstapeln. Und das beherrscht er brilliant. Wie wir ihn jetzt erleben, ist pure Eigenwerbung. Und wir werden ihn in den nächsten Tagen erleben, wenn er einen Top-Deal landen wird. Denn die Amerikaner lassen sich im Wahlkampf von Persönlichkeiten und extremer Tagespolitik fesseln.
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