Kommentar zu Antibiotika-Verordnungen
Eine tödliche Gefahr

Die gute Nachricht vorweg: Im vergangenen Jahr haben deutsche Ärzte deutlich weniger Antibiotika verschrieben als im Vorjahr. Vernunft, Aufklärung und eine zunehmend kritische Haltung scheinen endlich über die Bequemlichkeit zu obsiegen, Patienten auf deren Wunsch oder aufgrund unsicherer Diagnosen mit der Verschreibung von Antibiotika für den Fall der Fälle zu schützen.

Dienstag, 15.09.2020, 08:57 Uhr aktualisiert: 15.09.2020, 11:00 Uhr
Symbolbild. Foto: dpa
Symbolbild. Foto: dpa

Es ist allerdings nur ein erstes Anzeichen für den Stopp des bereits lange andauernden Trends, Antibiotika immer inflationärer einzusetzen. Das gilt sowohl in der Tier- als auch in der Humanmedizin. Sogar bei Viruserkrankungen wie Erkältungen, bei denen die antibakteriellen Präparate nachweislich nicht helfen, werden noch immer viel zu viele Patienten damit behandelt.

Nicht auf Erfolg ausruhen

Mittlerweile ist das Pro­blem der Resistenzbildung verstärkt in die öffentliche Wahrnehmung gerückt. Die Sensibilisierung der Patienten wie Ärzte scheint zu fruchten. Es ist aber nicht an der Zeit, sich auf diesem Erfolg auszuruhen. Die Aufklärungsarbeit muss weiterhin intensiviert und global ausgeweitet werden, um nachhaltig zu wirken. Denn multiresistente Keime machen an Ländergrenzen keinen Halt und können aus jedem Urlaub mitgebracht werden.

Forscher warnen vor dem Alternativszenario zu einem deutlich reduzierten Antibiotika­einsatz: „Wenn Sie glauben, Corona sei schlimm, wollen Sie mit antimikrobieller Resistenz nichts zu tun haben“, sagte Paul De Barro, Forschungsleiter für Biosicherheit der staatlichen australischen Forschungsorganisation CSIRO erst Anfang der Woche gegenüber der Zeitung „The Guardian“. Was er damit meint? Ohne Gegenmaßnahmen könnten antimikrobielle Resistenzen Schätzungen zufolge bis 2050 zehn Millionen Menschenleben fordern.

Tödliche Folgen

Bereits 2030 kann es Länder geben, in denen Resistenzen gegen gängige Antibiotika bei mehr als der Hälfte der Keime bestehen. Für einige potenziell todbringende Bakterien helfen bereits heute nur noch wenige Ersatzantibiotika. Nicht nur Tuberkulose oder Krebserkrankungen, selbst eine Geburt oder ein kleiner Kratzer könnten bei fortschreitender Resistenzbildung irgendwann tödliche Folgen haben, weil bestehende Antibiotika unwirksam sind.

Die Forschung an neuen Antibiotika nimmt zudem bei Pharmaunternehmern keinen hohen Stellenwert ein. Zu langwierig ist der Weg zu einem Erfolg und zu wenig lukrativ sind die Vertriebsaussichten, sodass nur wenige Firmen überhaupt in die Forschung in dieser Sparte investieren. Daher braucht es internationale Bemühungen und staatliche Förderungen, um dies zu ändern.

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