Kommentar zu den steigenden Corona-Zahlen
Die drei Aha-Effekte

Die Rückkehr in die Dimension der Neuinfektionszahlen von April wird von einem dreifachen „Aha“ begleitet. Aha im Sinne von verstehen: Nichts ist vorbei, es kann jederzeit wieder losgehen. Aha im Sinne von erkennen: Es wird zwar von der Zahl her allmählich wieder eng, aber keiner denkt an einen neuen Shutdown. Und Aha als großgeschriebene Abkürzung AHA für Abstand – Hygiene –Alltagsmaske. In jedem Fall haben wir es mit einem Aha-Effekt zu tun: Das Verhalten der übergroßen Mehrheit der Menschen in Deutschland ist exzellent. Und es wirkt.

Freitag, 18.09.2020, 05:14 Uhr aktualisiert: 18.09.2020, 05:20 Uhr
Symbolbild. Foto: Robert Michael/dpa
Symbolbild. Foto: Robert Michael/dpa

Natürlich dürfen wir uns nichts vormachen. Deutschland ist keine Insel. Wenn die Nachbarn immer mehr Regionen auf „Rot“ und „Risiko“ schalten müssen, wird auf Dauer auch Deutschland nicht bei Grün bleiben. Die Urlaubsrückkehrer haben schon spürbar und in den Statistiken erkennbar aktuelle Corona-Probleme importiert. Die Freizügigkeit mit alltäglichen Reisebewegungen wird dazu beitragen, dass krisenhafte Entwicklungen etwa in Paris und Brüssel überspringen. Das zeigt auch die Entwicklung in München. Gerade noch freuten sich die Fußballfans, jeden zehnten Sitzplatz im Olympiastadion wieder nutzen zu können, da kommt das Kommando zurück: Zu gefährlich angesichts der jüngsten Infektionsdynamik.

Zugleich haben Politik, Behörden, Firmen und die gesamte Zivilgesellschaft eine steile Lernkurve hinbekommen. Unter dem Eindruck katastrophaler medizinischer Verhältnisse in Italien und beim Blick auf eine nur zeitversetzte, aber mit Italien identische Infektionsentwicklung stellten sich die Verantwortlichen in Deutschland ebenfalls auf Katastrophenszenarien ein. Dagegen schwächte sich die gefühlte Bedrohung in Deutschland schneller ab, als es das faktische Geschehen eigentlich erlaubte. Das hatte damit zu tun, dass sich die Regierungen von Bund und Ländern, die Verwaltungen von Kreisen und Städten mit dem Tritt auf die Bremse und dem Runterfahren der Kontaktmöglichkeiten Zeit erkauft hatten. In der Zeit konnten sie das Land mit Masken und Gefahrenbewusstsein fluten. Jeder merkte in seinem Alltag, dass das keine abstrakte Gefahr war, sondern ihn persönlich betraf. Kein neuer Shutdown trotz Rückkehr der Zahlen von April – das ist nicht mehr, aber auch nicht weniger als ein Zwischenstand. Es ist eine Ermutigung, dass jeder weiter Verantwortung für sich und seine Mitmenschen tragen sollte.

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