Kommentar zur Lage in Belarus
Irrlichternder Anführer in Minsk

Alexander Lukaschenko greift in diesen Wochen der belarussischen Freiheitsrevolte tief in die Klaviatur antiwestlicher Propaganda. Die Ketten von Nato-Panzern rasselten bereits vor den Toren des Landes, behauptet der Diktator. Polen und Litauen planten eine Invasion. Im Hintergrund ziehe die Supermacht USA die Fäden. Nun kündigte Lukaschenko sogar an, die Westgrenzen zu schließen und mit Truppen zu verstärken. Das klang schon fast nach Krieg.

Samstag, 19.09.2020, 10:43 Uhr aktualisiert: 19.09.2020, 10:52 Uhr
Minsk: Alexander Lukaschenko, Präsident von Belarus, gestikuliert am Donnerstag bei einer Rede vor einem Frauenforum. Foto: Uncredited/TUT.by/dpa
Minsk: Alexander Lukaschenko, Präsident von Belarus, gestikuliert am Donnerstag bei einer Rede vor einem Frauenforum. Foto: Uncredited/TUT.by/dpa

Doch dann passierte zunächst einmal – nichts. Alles normal, meldeten Warschau und Vilnius. Nicht nur dort reibt man sich die Augen. In Brüssel kommt die Nato mit den Dementis kaum hinterher. Und selbst in Moskau überwiegen die irritierten Stimmen. Vor allem aber erreicht Lukaschenko die überwältigende Mehrheit der Menschen in Belarus nicht mehr mit seinen erratischen Auftritten.

Mal zeigt er sich mit Kalaschnikow in der Hand und droht mit dem Militär. Dann wieder erklärt er, das Leben im Land gehe seinen ganz normalen Gang. Am Wochenende seien halt ein paar Leute mehr als sonst unterwegs. In Wirklichkeit protestieren Zehntausende.

Bei all dem vermittelt Lukaschenko zunehmend den Eindruck eines irrlichternden Anführers, der nach 26 Jahren Alleinherrschaft einfach nicht verstehen kann, dass ihm niemand mehr folgen mag. Also droht er möglichst laut und offenbart dadurch erst recht seine Schwäche.

Dabei hatte sich Lukaschenko doch soeben erst die Unterstützung Wladimir Putins gesichert. Ruhe bewahren und auf Zeit spielen: Das war die Botschaft, die der russische Präsident bei dem Treffen aussandte. Doch Lukaschenko fehlt die Ruhe. Seine Hyperaktivität zeugt eher von Panik.

Das birgt Chancen, aber auch ein hohes Risiko. Es gibt berechtigte Hoffnung, dass Putin irgendwann ein Einsehen haben und Lukaschenko fallen lassen könnte. Schließlich ist es ein offenes Geheimnis in Minsk und Moskau, dass der Kremlchef mit einem weniger starrsinnigen Präsidenten im Nachbarland besser leben könnte. Natürlich müsste die Russlandnähe gesichert bleiben. Das Problem ist nur: Eine konkrete personelle Alternative ist nicht in Sicht.

Ohnehin sollten sich die Menschen in Belarus darauf einstellen, dass ihre demokratischen Freiheitsträume auch bei einem Abgang Lukaschenkos nicht sofort und ohne Kompromisse in Erfüllung gehen. Andererseits wäre ein Wechsel im Präsidentenamt mehr als nur ein Zeichen des Aufbruchs.

Kommentare

Paul Schneider  schrieb: 20.09.2020 07:08
Lukaschenko
Ist es wirklich so, daß nur das belarussische Volk versucht, sich eines Tyrannen zu erledigen? Oder erleben wir hier ein zweites "Maidan", als der Tyrann Jankukowitsch bei "seinem" Volk in Ungnade gefallen war. Ich bezweifele, daß es hier nur um Menschenrechte und Meinungsfreiheit geht, sondern um den Gewinn eines geopolitischen und wirtschaftlichen Terrains. Der Protest kam nicht spontan, sondern war länger nach dem klassischen Drehbuch der Farbenrevolution vorbereitet. Zu finden in der Methodik über klassische Farbenrevolutionen des Publizisten nd Theoretikers für gewaltlose Proteste, Gene Sharp. Das Instrument der Farbenrevolution wird von den NGO`s, Thinktanks, Medien, Blogger usw. adaptiert. Ziel ist es in Belarus, Lukaschenko, der als Marionette Russlands gesehen wird, zu diskreditieren. Wenn man die Programm-Kanäle Telegram, NEXTA und "Belorussija golownoga mozga" verfolgt, erfährt man, wer die Proteste anfeuert und koordiniert. Bislang wird aber die Frage nicht beantwortet, was nach der Zeit Lukaschenko kommen wird und wie der Regime-Chance aussehen sollte. Da bietet die Ukraine sicherlich keine Blaupause.
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