Kommentar zu Warnstreiks im Öffentlichen Dienst
Nicht die Zeit für Tarifrituale

Rituale haben etwas für sich. Man kann sich daran festhalten. Doch manchmal sind Rituale auch fehl am Platz – sei es, dass die Zeit nicht danach ist. Oder sei es, dass sie sich grundsätzlich überlebt haben.

Freitag, 25.09.2020, 20:22 Uhr aktualisiert: 25.09.2020, 20:38 Uhr
Warnstreik der Müllabfuhr in Ulm. Foto: dpa
Warnstreik der Müllabfuhr in Ulm. Foto: dpa

Tarifverhandlungen sind so ein Ritual. Kaum liegen die Forderungen einer Gewerkschaft auf dem Tisch, folgt das Angebot der Arbeitgeber. Oder es folgt – besondere Form der Provokation – nicht. In beiden Fällen ist es eher dazu angetan, die Kampfbereitschaft der Beschäftigten zu stärken. Prompt lassen die Warnstreiks nicht lange auf sich warten. Dabei wissen beide Seiten nur zu gut, dass am Ende ein Kompromiss stehen muss. Gute Verhandlungsführer haben daher das mögliche Ergebnis schon in der Schublade. Es vor der Zeit herausholen? Geht nicht. Denn Tarifauseinandersetzungen haben auch intern eine wichtige Funktion: Sie sollen Mitglieder bei der Stange halten und vielleicht neue hinzugewinnen – natürlich auf Kosten der Geschäftspartner, Verbraucher, Kunden. Immerhin lernen diese die Dienstleistungen und Produkte, für die sie anschließend auch mehr bezahlen müssen, noch mehr zu schätzen.

Jeder in Deutschland hat schon andere Probleme

Und in diesem Jahr? Es sieht ganz danach aus, als gehe alles den gewohnten rituellen Gang. Jedenfalls im öffentlichen Dienst. Als gäbe es nicht die Pandemie. Als wären Busse und Straßenbahnen nicht monatelang fast leer herum gefahren. Als hätten sich die Warteschlangen vor den Behörden nicht noch verlängert – nur weniger sichtbar, da in die Online-Welt verlagert. Als hätten andererseits Klinik- und Pflegepersonal nicht mehr verdient als Applaus von den Balkonen.

Doch ehrlich: Deutschland – Staat, Wirtschaft, jeder Einzelne – hat andere Probleme. Noch ist es Zeit, nicht schon die nächste Eskalationsstufe im Tarifritual zu zünden. Noch ist es Zeit, die Zettel mit möglichen Kompromissen aus den Schreibtischen zu ziehen und in einer kurzen oder langen Tarifsitzung in Übereinstimmung zu bringen. Und sei es für eine Übergangslösung, bis die Zeit wieder eine andere ist.

Kommentare

Paul Schneider  schrieb: 26.09.2020 10:16
Tarifrituale
Was interessiert die Gewerkschaft Verdi, ob eine Forderung nach mehr Gehalt zeitgemäss ist? Was interessiert die Gewerkschaft, ob eine Kommune im Grunde genommen bankrott ist? Was interessiert die Gewerkschaft das Milliardenloch in der Verkehrsinfrastruktur, der sozialen Infrastruktur und in der grün-blauen Infrastruktur, insbesondere die Millardenlöcher, die durch mangelnde Instandsetz- und Instandhaltung entstanden sind? Was wird jetzt erleben, ist der Teil 2 der Kampagne "Genug gespart" aus dem Jahre 2007, obwohl die überwiegenden Öffentlichen Haushalte nach wie vor unter "schwerer Belastung" stehen, obwohl der Bund Milliarden Euro in Aussicht gestellt hat. Für Verdi geht es aber auch um neue Mitglieder. Schließlich hat die Kampagne im Zuge des Tarifskonflikts 2008 50.000 neue Mitglieder beschert. Übrigens, was ist aus der "Persektive 2015" geworden? Und was ist mit den gerechten Löhnen im Hause Verdi selbst?
1 Kommentare
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