Kommentar zur neuen Papst-Enzyklika
Die eine Menschheit

Geschwisterlichkeit in der einen Menschheitsfamilie: Dieses Bild, dieser flehentliche Appell zu mehr Miteinander in der einen Welt zieht sich wie ein Leitfaden durch die neue, ebenso eindrückliche wie eindringliche Sozialenzyklika des Papstes . Der 83-jährige Pontifex begab sich, sehr symbolträchtig, zum Namensfest des heiligen Franziskus, seines großen Vorbildes, nach Assisi, um das Schreiben vorzustellen.

Montag, 05.10.2020, 08:41 Uhr aktualisiert: 05.10.2020, 08:44 Uhr
Papst Franziskus winkt während des Angelus-Mittagsgebets aus seinem Atelierfenster mit Blick auf den Petersplatz. Nach gut fünf Jahren Pause gibt es eine neue Enzyklika von Papst Franziskus. Foto: dpa
Papst Franziskus winkt während des Angelus-Mittagsgebets aus seinem Atelierfenster mit Blick auf den Petersplatz. Nach gut fünf Jahren Pause gibt es eine neue Enzyklika von Papst Franziskus. Foto: dpa

Auch wenn Papst Franziskus in seinen Botschaften zuvor schon viele der ihn bedrängenden Menschheitsthemen von den Kriegen und Konflikten bis hin zur ökologischen Katastrophe angesprochen hatte, so darf man diese Enzyklika doch auch als eine Art prophetisches Testament des Pontifex begreifen.

Drängende Fragen

Schon ein schnelles Streifen der zentralen Themen offenbart, wie umfassend sich der Papst den garstigen Gräben und gärenden Konflikten der Welt nähert und alle drängenden Fragen anspricht. Das beginnt bei nationalen Egoismen, führt über Hass und Desinformation im Netz und endet bei der Haltung eines grenzenlosen Konsumismus. Scharf geißelt der Papst moderne Sklaverei und Waffenhandel.

Gerade einem sich katholisch nennenden Land wie Polen müssten die Worte des Papstes über die christlich gebotene Hilfsbereitschaft gegenüber Flüchtlingen in den Ohren klingeln. Der Papst erinnert Europa an sein Erbe. Es hat, wie man beschämt erleben muss, gerade in der jüngsten Krise nach dem brennenden Flüchtlingslager Moria eher eine kleine Krämerseele als ein großes Herz gezeigt.

Einladung zur Hoffnung

Franziskus bleibt aber nicht beim Lamento stehen. Er möchte zur Hoffnung einladen und zu einer gesellschaftlich und politisch konkret praktizierten Nächstenliebe gerade in der Corona-Krise aufrufen. Bei all seinen Überlegungen zur Geschwisterlichkeit hat sich Jorge Bergoglio besonders von Franz von Assisi, aber auch von „nichtkatholischen Brüdern“ inspirieren lassen: Martin Luther King, Desmond Tutu, Mahatma Gandhi. Einmal mehr zeigt der Papst, dass er alle Menschen guten Willens mitnehmen will auf die Reise in eine friedliche Zukunft, in der Religion niemals mehr das Gesicht der Gewalt annehmen darf.

Angesichts des weiten Horizonts, den Franziskus hier aufzieht, wundert es, dass es im Vorfeld der Enzyklika eine Debatte darüber gab, ob das Wort „fratellanza“ mit Brüderlichkeit oder Geschwisterlichkeit übersetzt werden sollte. In der Genderdebatte wirkt mancher Horizont doch noch sehr begrenzt.

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