Kommentar zu Swetlana Tichanowskaja
Hoffen auf den Nobelpreis

Swetlana Tichanowskaja reist auf der Suche nach Unterstützung durch halb Europa. Die belarussische Oppositionsführerin spricht mit den Außenministern der EU in Brüssel, trifft den polnischen Premier in Warschau und empfängt den französischen Präsidenten in ihrem litauischen Exil. Nun ist Tichanowskaja in Berlin . Dort bitten am Dienstag Bundeskanzlerin Angela Merkel und Außenminister Heiko Maas zum Gespräch. Mehr geht kaum in Europa.

Dienstag, 06.10.2020, 09:48 Uhr aktualisiert: 06.10.2020, 09:50 Uhr
Die Oppositionsführerin Swetlana Tichanowskaja aus Belarus nimmt an einer Panel-Diskussion der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde teil. Foto: dpa
Die Oppositionsführerin Swetlana Tichanowskaja aus Belarus nimmt an einer Panel-Diskussion der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde teil. Foto: dpa

Und dennoch: All die prominenten Treffen zeugen zugleich von der Machtlosigkeit der ehe­maligen Präsidentschafts­kandidatin. Diktator Alexander Lukaschenko hat die 38-Jährige ja nicht nur um ein ehrliches Wahlergebnis und damit wahrscheinlich um das höchste Staatsamt betrogen. Seine Spezialpolizei hat Tichanowskaja auch mit Psychofolter aus dem Land getrieben. Ihre wichtigsten Mitstreiterinnen und Helfer wurden ebenfalls zur Flucht gezwungen oder sitzen in Haft.

Kaum Hoffnung auf Besserung

Nicht zuletzt lässt Lukaschenko all jene Menschen in Belarus mit Gewalt überziehen, die Sonntag für Sonntag zu Zehntausenden auf die Straße gehen und einen ehrlichen Neustart im Land fordern.

Eine solche Wende wird es mit Lukaschenko allerdings nicht geben. Der Diktator hat sich für den Weg des Staatsterrors entschieden. Schlimmer noch: Solange Generäle, Geheimdienstler und prügelnde Polizisten zu ihm halten und der russische Präsident Wladimir Putin den Daumen nicht senkt, gibt es für die friedlich aufbegehrende Mehrheit in Belarus kaum Hoffnung auf Besserung. Daran werden auch die jüngst beschlossenen EU-Sanktionen nichts ändern.

Eher schon der Friedensnobelpreis. Am Freitag wird bekannt, wer die Auszeichnung 2020 erhält. Ein Zugewinn an Macht ist damit nicht verbunden, sehr wohl aber an moralischer Autorität. Realpolitisch heißt das meist wenig. Im Fall Belarus könnte es jedoch anders sein. Lukaschenko will mit einer neuen Verfassung einen Hauch von Legitimität zurückgewinnen.

Ein Nobelpreis für Tichanowskaja würde diesem Plan endgültig den Boden entziehen. Hochverdient wäre die Auszeichnung allemal.

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