Kommentar zur Vizekandidaten-Debatte
Alles ganz normal?

Was sind das für Zeiten, in denen es eine Nachricht ist, dass ein TV-Duell in den USA zivilisiert über die Bühne gegangen ist?

Donnerstag, 08.10.2020, 03:58 Uhr aktualisiert: 08.10.2020, 19:10 Uhr
Symbolbild. Foto: Patrick Semansky/dpa
Symbolbild. Foto: Patrick Semansky/dpa

Die Antwort: Es sind Trump-Zeiten, in denen der Tabu-Bruch ebenso Teil seines verstörenden politischen Erfolgsrezepts geworden ist wie sein schräger Kult der Unwissenheit, den er gegen die Wissenschaft ausspielt. Wie beruhigend ist es, nach Trumps Chaos-Auftritt nun mit Mike Pence und Kamala Harris gleich zwei politische Profis am Werk zu sehen. Kämpferisch, aber sachlich redeten sie über viele Themen – auch wenn für einige der Abend allerdings so langweilig wurde, dass eine harmlose schwarze Fliege auf den weißen Haaren von Pence in den Mittelpunkt rückte.

Nur ein paar kleine Ausrutscher des Vizepräsidenten, der sich von der Moderatorin manchmal nicht stoppen lassen wollte, störten den Gesamteindruck. Immerhin lag der Druck ja auch auf Pence. Für ihn reichte es nicht, sich als kopfnickender Mitstreiter und moralisches Gegengewicht Trumps zu geben. Das hausgemachte Corona-Chaos lässt den Präsidenten in Umfragen immer schlechter dastehen. Darauf hatte Pence nicht immer die passenden Antworten. Er wich Fragen häufig aus. Sein kontrollierter Gesichtsausdruck wirkte versteinert und passte nicht zum Corona-Drama, auch wenn er Sätze sagte, die Trump nie über die Lippen kommen würden – über Empathie für die Opfer von Corona und Polizeigewalt.

So gab es nur einen leichten Punktsieg für Harris, die mitfühlend wirkte. Bei ihrem Debüt in diesem Format fühlte sich die erfahrene Staatsanwältin sichtlich wohl dabei, unter Druck zu argumentieren. Sie hat ganz spielerisch den Spagat geschafft, einerseits energischer und frischer als Biden zu wirken, andererseits nicht als besserwisserische, wütende Frau herüberzukommen – wie es Hillary Clinton im Duell mit Trump einst zum Verhängnis wurde. Zudem zerstreute sie ganz nebenbei das republikanische Vorurteil, eine unseriöse Linksradikale zu sein.

Unabhängig, ob sich etwas Großes bewegt hat: Das Duell hinterlässt positive Gefühle. Beide „Vize“ können Präsident. Werden sich die beiden in vier Jahren wiedersehen – dann als Hauptakteure im US-Wahlkampf? Vorerst dominiert Trump: Wie ein trotziges Kind sperrt sich der erkrankte Präsident dagegen, dass seine nächste Debatte virtuell stattfinden soll. Er ahnt das Problem. Wenn er sich dann daneben benimmt, kann man ihm ganz leicht einfach den Ton abstellen.

Kommentare

Paul Schneider  schrieb: 09.10.2020 07:46
Harris und Pence
Wer gedacht hatte, dass hier zwei Ideologien aufeinandertreffen, wurde enttäuscht. Wie sollte es auch. Die USA stehen vor dem wirtschaftlichen Bankrott. Der Hegemon verliert seinen Einfluss auf der Welt. Das Virus wurde unterschätzt u.v.a.m.. Trotzdem ist Trump nach wie vor der Präsident. Trotz Corona präsentiert er weiterhin seine starke Persönlichkeit. Sie ist so extrem, dass man meinen könnte, man würde einen Film anschauen. Wenn wir jemanden mit starken Emotionen sehen , fühlen wir diese Emotionen genauso. Bei Harris und Pence konnte ich bei mir trotz nächtlicher Stunde keine Emotionen feststellen. Das war keine grossartige Performance, wie wir sie von Trump kennen. Das waren keine Statements, mit denen sich die meisten Amerkaner idetifizieren können. Weder Harris noch Pence standen überzeugend für die Ideologien ihrer Parteien. Bei beiden konnte man kein kohärentes Konzept erkennen. Für mich waren es leere Phrasen, mit dem Unterschied, dass Trump leere Phrasen in ein Kontext einbinden kann. Und dann ist es keine leere Phrase mehr. Trump ist nicht dumm. Er ist ein gerissener Beobachter und Ausschlachter der menschlichen Natur. Sein Handwerk ist das Fach eines Hochstablers.Und das beherrscht er brilliant. Er ist kein Intellektueller. Aber beherrscht die Kunst des Verkaufens und der Eigenwerbung. Und das ist auch eine Art Intelligenz. Im Gegensatz zu seinem Mitbewerber ist er energisch. Er ist in der Lage die Richtung vorzugeben und Deals auszuhandeln. Harris und Pence vermittelten nicht den Eindruck, dass sie für den Rest des Wahlkampfs die Wähler/innen mit extremen Themen fesseln können, damit die Bürger/innen schlagartig nüchtern werden.
1 Kommentare
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