Kommentar zum Verhalten von US-Präsident Trump
Haarsträubend

Donald Trump liebt bekanntlich staatstragende Gesten. Diese Neigung kann er derzeit auch noch pflegen – ab dem 20. Januar 2021 ist es ja damit vorbei.

Freitag, 27.11.2020, 10:04 Uhr aktualisiert: 27.11.2020, 10:08 Uhr
US-Präsident Donald Trump spricht zur Journalisten.
US-Präsident Donald Trump spricht zur Journalisten. Foto: Patrick Semansky/AP/dpa

Vor zwei Tagen durfte sich Truthahn „Corn“ freuen, dass er dank des traditionellen Einschreitens des Präsidenten der Thanksgiving-Brat­röhre entkam. Nun hat Trump seinen Ex-Sicherheitsberater Michael Flynn begnadigt – der zugegeben hatte, im Zuge der „Russland-Affäre“ über den Wahlkampf 2016 das FBI und Vizepräsident Mike Pence belogen zu haben.

Wirklich überraschend kam Trumps Schritt – den er natürlich per Twitter verkündete – nicht. Schließlich sprach er stets von einer „Hexenjagd“, wenn es um die Russland-Affäre und den Einfluss Moskaus auf den Wahlkampf 2016 ging. Flynn war einer aus der Trump-Garde, die wegen erwiesenen Fehlverhaltens ab­treten musste oder wollte. Dennoch bezeichnete der Präsident ihn stets als „wunderbaren Menschen“. Und natürlich war es aus Sicht des Republikaners unfair, dass die Ermittler beharrlich trickreiche Fragen stellten, die Flynns ­Lügen enttarnten. Und dass die Medien darüber berichteten, verdammte er erst recht.

Die ganze Causa Flynn hat ein „Geschmäckle“. Als Anwältin des Generals a.D. fungiert Sidney Powell, die in den vergangenen Wochen auch als Verbreiterin von wilden Verschwörungstheorien über den angeb­lichen Wahlsieg Trumps aufgetreten ist. Der ergebene Justizminister William Barr hatte im Mai ein Ende des Verfahrens gegen Flynn gefordert. Der Fall lag nach diesem umstrittenen Vorstoß bei einem Bundesgericht auf dem Tisch. Richter Emmet Sullivan weigerte sich aber, die Vorwürfe fallen zu lassen.

Seine politischen Gegner werteten Trumps Schritt als Machtmissbrauch kurz vor dem Auszug aus dem Weißen Haus – man könnte es aber auch als ein weiteres Zeichen deuten, dass Trump weiß, dass er das Amt bald verliert, und nun noch schnell das Flynn-Verfahren aus dem Weg haben will. Wirklich übel an der Geschichte ist Flynns Reaktion. Er dankte nach dem Trump-Tweet mit einem Zitat aus der ­Bibel (Jeremia 1,19): „Sie alle werden dich bekämpfen – doch ohne Erfolg, denn ich bin bei dir und beschütze dich. Das verspreche ich, der Herr.“ ­Diese haarsträubende ­Analogie wird dem eitlen Trump zweifellos gefallen.

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