Kommentar zur Situation in den Kliniken
Meidet das Wort „Triage“

Es ist beklemmend, wenn einige wenige Ärzte in diesen Tagen immer wieder von einer möglichen Triage sprechen – von der Entscheidung, welchem Corona-Patienten man die Ressourcen, die er zum Überleben braucht, noch zukommen lassen kann und welchem nicht.

Freitag, 18.12.2020, 20:18 Uhr aktualisiert: 18.12.2020, 20:20 Uhr
Mitarbeiterinnen der Pflege in Schutzausrüstung betreuen in Essen einen Corona-Patienten
Mitarbeiterinnen der Pflege in Schutzausrüstung betreuen in Essen einen Corona-Patienten Foto: Fabian Strauch/dpa

Ob es tatsächlich bereits in einem sächsischen Krankenhaus zum Triagieren gekommen ist, oder ob die entsprechende Äußerung des Ärztlichen Direktors nur ein Hilferuf war – das ist bis heute ungeklärt. Klar ist aber: Von einem solchen Szenario sind wir aktuell nahezu überall in Deutschland weit entfernt.

Ja, im Frühjahr mussten Ärzte in Italien auf diese Weise über Leben und Tod entscheiden. Das lag aber vor allem daran, dass es nicht genügend Beatmungsgeräte gab. Die haben wir inzwischen in Deutschland fast schon im Überfluss. Zwar mangelt es vielerorts an Pflegekräften, die sich um Intensiv-Patienten kümmern können. Trotzdem muss bei uns in absehbarer Zeit niemand sterben, weil es an Kapazitäten fehlt.

Natürlich dürfen Krankenhäuser jetzt nicht warten, bis sie überlaufen. Sie müssen rechtzeitig freie Betten suchen – in der Nachbarstadt, im Nachbarkreis, irgendwo in Deutschland. Seit Wochen schon gibt es Strukturen und Konzepte dafür. In Nordrhein-Westfalen zum Beispiel stehen Tag und Nacht zwei Intensivhubschrauber für solche Verlegungen bereit.

Am Freitag meldeten die Krankenhäuser in NRW mehr als 600 freie Intensivbetten mit Beatmungsmöglichkeit und Personal, bundesweit waren es mehr als 3400. Ein Arzt, der in dieser Situation eine Triage durchführen würde, müsste wahrscheinlich mit einem Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft rechnen.

Ja, die Corona-Lage ist ernst. Im Sommer waren in NRW noch regelmäßig 1500 Beatmungsbetten frei, und das Personal war nicht so dicht am Limit wie es das heute auf mancher Intensivstation ist. Aber Menschen jetzt mit dem Wort Triage Angst zu machen, hilft niemanden. Und es beschreibt die Leistungsfähigkeit unseres Gesundheitssystems auch nicht angemessen. Denn bei aller nachvollziehbaren Kritik und Sorge: Wahrscheinlich gibt es kein Land auf der Welt, in dem Corona-Patienten besser versorgt werden als bei uns.

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