Worte zu Weihnachten von Chefredakteur Ulrich Windolph
Und es wird doch Weihnachten

Bielefeld (WB) -

Es wird Weihnachten. Aber was für ein Weihnachten wird das? Kann es dieses Jahr überhaupt Weihnachten werden? Die Corona-Pandemie hat unser Leben auf den Kopf gestellt, und das Virus macht auch vor dem Fest der Feste nicht Halt. Die Zahlen schnüren einem die Kehle zu: jeden Tag so viele Neuinfizierte, so viele Tote. 962 verlorene Menschenleben allein am Mittwoch!

Donnerstag, 24.12.2020, 03:25 Uhr aktualisiert: 24.12.2020, 07:04 Uhr
„Markt und Straßen stehn verlassen, still erleuchtet jedes Haus...“: Lichterglanz erfüllt den Platanenhof in Bad Driburg. Foto: Frank Spiegel
„Markt und Straßen stehn verlassen, still erleuchtet jedes Haus...“: Lichterglanz erfüllt den Platanenhof in Bad Driburg. Foto: Frank Spiegel

Was für ein Jahr! Leben im Ausnahmezustand, der Ausnahmezustand als unser Le­ben? Wann hört das auf, wie halten wir das aus, was gibt uns Hoffnung, was Halt?

„Fürchtet Euch nicht“, sagt der Engel zu den Hirten auf dem Feld – so erzählt die Bibel die Geschichte von der Heiligen Nacht. So berichtet der Evangelist Lukas von der Geburt Jesu. „Fürchtet Euch nicht“, heißt es mehr als 100 Mal in der Heiligen Schrift. Und Paderborns Erzbischof Hans-Josef Becker sagt im Interview: „In diesem Jahr wird uns besonders bewusst: Es geht jetzt um den Kern! Weihnachten müssen wir nicht retten, wie manche sagen, auch in Corona-Zeiten nicht. Weihnachten rettet uns!“

Schon klar: Ein Mann Gottes muss das sagen – und Erzbischof Becker kann das sagen, denn ihm mangelt es gewiss nicht an Gottvertrauen. Aber was ist mit uns am Ende dieses durch und durch unwirklichen Jahres 2020? Die Weihnachtsgeschichte, diese unglaubliche Story von der Menschwerdung Gottes, stellt jeden von uns unausweichlich vor die Frage: Was für ein Mensch bin ich, was für ein Mensch will ich sein? Eine Frage, die uns lange nicht mehr so nah gekommen ist wie im Zuge der Corona-Krise – diesem Charaktertest, der schon viel zu lange dauert und der uns unsere Kraft raubt, an unseren Nerven zehrt.

NRW-Ministerpräsident Armin Laschet spricht vom „härtesten Weihnachten seit Jahrzehnten“. Ein gewagter Satz, über den sich streiten lässt. Aber es ist unbestreitbar das Weihnachten nach dem härtesten Jahr seit Jahrzehnten. Corona kostet Menschenleben, raubt Lebensträume, gefährdet Existenzen und greift unsere Seele an. Selten war ein Jahr so von einem Grauschleier überzogen wie 2020. Neun lange Monate in Moll.

Und nun auch noch Weihnachten unter Lockdown-Bedingungen. Wo führt das hin? „Hoffnung muss man immer haben“, heißt es. Und Hoffnung kann man haben. Denn zum Grau dieses Jahres, zum Moll kommt auch die millionenfach gelebte Nächstenliebe, die Solidarität mit denen, die in Gefahr sind oder Hilfe brauchen.

Ein Crescendo in Dur. Eine Kraft, die Corona aus uns herauskitzelt. Die zeigt, dass die meisten Menschen vernunftbegabt und rücksichtsvoll sein wollen und es auch sind. Selbst wenn wir dieses Weihnachten hautnah spüren, wie zerbrechlich das Glück, wie kostbar unser Leben ist, machen wir zugleich die wertvolle Erfahrung, dass das Gemeinsame bisher immer noch stärker war als alles Trennende. Dass die Nächstenliebe noch größer ist als aller Egoismus.

Zeichen der Hoffnung gibt es genug, wir müssen sie nur sehen. Und wir müssen sie wertschätzen – statt Querdenkern und Quertreibern zu viel Aufmerksamkeit zu schenken. Nicht dem Des­truktiven folgen, sondern gern kritisch, aber immer auch konstruktiv zu bleiben: Das gilt gerade auch für uns Journalisten.

Tagtäglich erleben wir die millionenfache Neugeburt der Mitmenschlichkeit. Und den Beweis menschlicher Schaffenskraft. Da ist beispielsweise der überragende Forschergeist bei der rasend schnellen Entwicklung der Impfstoffe. Da ist die aufopferungsvolle und nimmermüde Arbeit Hunderttausender Menschen in Pflegeheimen, Kliniken und an so vielen anderen Orten. Und da ist zugleich die unaufgeregte Routine Millionen anderer, einfach weiter das zu tun, was zu tun ist – und so einen unverzichtbaren Teil zum Gelingen des großen Ganzen beizutragen.

Vielleicht ist das die Botschaft, die uns dieses so andere Weihnachtsfest mitgibt. In dieser Krise können wir jeden Tag neu Mensch werden, Mensch sein, Mensch bleiben. Und dann wird es doch Weihnachten – und das in diesem Jahr sogar ganz besonders.

Gesegnete Weihnachten!

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