Sa., 19.01.2019

Ein Kneipensport will olympisch werden Faszination Kickern

Symbolbild.

Symbolbild. Foto: dpa

Von Andreas M. Schurr

Wien (dpa). Auf einen WM-Titel im Fußball müssen die Österreicher vermutlich noch lange warten. Im Tischfußball hingegen spielen sie schon ganz vorne mit. Eine der besten Kickerinnen der Welt kommt aus Wien und hat einen Lebenstraum: Tischfußball wird olympische Disziplin.

Rockmusik, Gelächter, Pizzaduft. Wo andere sich ein Feierabendbier genehmigen, trainiert Sophie Jobstmann für die nächste Weltmeisterschaft. Wie jeden Montagabend trifft sich die 30-Jährige mit ihren Freunden in der »nachBar«, einer urigen Kneipe in der Wiener Josefstadt, um zu kickern. Die Stimmung ist locker, Jobstmann und ihre Mitspieler rauchen und erzählen sich Witze, bevor sie zum Kickertisch schreiten. Doch es geht um mehr als um Spaß.

Kickern in Paderborn und Bielefeld

Tischfußball ist in Ostwestfalen-Lippe längst nichts Unbekanntes mehr. Egal, ob bei den Paderborner Masters oder den Bielefelder Stadtmeisterschaften: Zahlreiche »Kicker« kommen aus der Region zusammen, um ihr Können an den Tischen zu beweisen. Bester OWL-»Kicker« ist Pascal Olbrich vom TFC Paderwahn Paderborn (Platz elf der Deutschen Tischfußballrangliste). Sein Verein spielt in der 2. Bundesliga und veranstaltet regelmäßig die Kickerliga Paderborn. In Bielefeld sorgen die Sportfreunde Kickerfeld (Verbandsligist) für eine lebendige Kicker-Kultur. Die Bielefelder Stadtmeisterschaften im Tischfußball waren 2018 ein beliebtes Ranglistenturnier – und das nicht nur, weil in den ehemaligen VIP-Räumen der Schüco-Arena gekickert wurde.

Den OWL-Auftakt der Tischkicker macht am 25. Januar das 18. Paderborner Masters. Im ehemaligen Uni-Pub der Universität Paderborn wird dann wieder an 13 Tischen um Punkte für die NRW-Rangliste gekämpft. Beginn ist um 18 Uhr.

Die dritten Bielefelder Stadtmeisterschaften werden am 27. April abermals in der Schüco-Arena ausgetragen.

Für die junge Österreicherin ist Kickern keine bloße Freizeitbeschäftigung, sondern ein Profisport, in den sie viel Zeit investiert. »Tischfußball ist mittlerweile definitiv mein zweites Leben, andere Hobbys habe ich fast gar nicht mehr«, erklärt sie. »Daheim habe ich meinen eigenen Tisch und trainiere daran täglich mehrere Stunden.«

Disziplin und Training sind gefragt

Denn wie in anderen Sportarten sind eben auch beim professionellen »Wuzeln« – so heißt Tischfußball in Österreich – Disziplin, Ausdauer und hartes Training gefragt, wenn man ganz oben mitspielen will. Und das tut die gebürtige Wienerin Jobstmann schon seit geraumer Zeit.

Anfangs kickerte die studierte Sozialpädagogin, die heute bei einer Versicherungsanstalt arbeitet, lediglich zum Spaß in ihrer Stammkneipe. Auf den Ratschlag eines Freundes hin trat sie 2010 einem Wiener Tischfußballverein bei und »wuzelt« seitdem auf Wettkampfniveau. Nach Spielen in einer österreichischen Kicker-Liga startete sie bald auch im Ausland durch.

Tischfußballmeisterschaft in Spanien

2013 gewann Jobstmann ihren ersten internationalen Wettbewerb, die sogenannte Table Soccer World Series. In den Jahren danach folgten Silber- und Bronzemedaillen bei weiteren international anerkannten Turnieren.

Aktuell befindet sie sich im Damen-Ranking des internationalen Tischfußballverbands (ITSF) auf Platz 9 und ist damit nicht die einzige Österreicherin, die ganz vorne mitmischt. Ihre Landsfrau Verena Rohrer ist offizielle Weltlangristenerste. Weiter aufsteigen könnte Jobstmann durch einen Medaillengewinn bei der kommenden Tischfußballweltmeisterschaft, die 2019 im spanischen Murcia stattfindet.

Mehr als ein Zeitvertreib

»Man kann die internationalen Wettkämpfe ein bisschen mit den Grand Slams im Tennis vergleichen«, erklärt Jobstmann. Von Prämien, wie sie in Wimbledon & Co. üblich sind, kann sie allerdings nur träumen. Das Preisgeld bei einem World-Series-Turnier liege bei ungefähr 300 Euro. »Wenn ich das mit den Reise- und Hotelkosten verrechne, komme ich zirka bei null raus.«

Wenn man Jobstmann zuhört, wird vor allem eines deutlich: Sie will klarmachen, dass Tischfußball mehr ist als ein Zeitvertreib in der Kneipe: eine ernstzunehmende und professionelle Sportart, die in Österreich wie im Ausland mehr Aufmerksamkeit verdient. Problematisch ist jedoch, dass Kickern in der Alpenrepublik nicht mal als Sport anerkannt ist. Deshalb erhalten Vereine auch keine staatliche Förderung oder Sponsorengelder, sagt Jobstmann. Neidisch blickt die Wienerin nach Deutschland.

Sophie Jobstmann trainiert für die Weltmeisterschaft. Foto: dpa

In Deutschland ist Tischfußball seit 2010 als gemeinnütziger Sport anerkannt. Etwa 8000 deutsche Kicker, die in verschiedenen nationalen Ligen spielen, betreiben den Sport aus Leidenschaft und befinden sich laut Klaus Gottesleben (Präsident des Deutschen Tischfußballbunds) in einer relativ komfortablen Situation: »In Deutschland ist die Lage ganz gut. Immer mehr Vereine haben eine eigene Nachwuchsförderung und erhalten Sponsorengelder.« Jedoch gibt er zu bedenken, dass Tischfußball noch immer das Image des Kneipensports anhafte, das nur langsam aus den Köpfen zu bekommen sei.

Für Gottesleben ist das jedoch kein Problem: »Es dauert eben noch ein bisschen, bis sich Tischfußball als Breitensport durchgesetzt hat. Aber wir haben keinen Zeitdruck.« Dass Kickern in absehbarer Zeit als olympische Disziplin anerkannt wird, hält er für unrealistisch. Jobstmann hingegen zeigt sich ehrgeiziger: »Ich rechne damit, dass das noch zehn bis fünfzehn Jahren dauert«, sagt sie. Dann könnte endlich ihr Traum wahr werden: den Lebensunterhalt als professionelle »Wuzlerin« bestreiten und für Österreich olympisches Gold holen.

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