Fr., 12.07.2019

Millionenschweres Forschungsprojekt von Wissenschaftlern und Unternehmen Lieferdienst für Einkäufe soll Bus und Bahn attraktiver machen

Symbolbild.

Symbolbild. Foto: Swen Pförtner/dpa

Mit dem Bus fahren, ohne Einkäufe zu schleppen - Wissenschaftler und Unternehmen in Kassel wollen das ermöglichen. Das millionenschwere Forschungsprojekt soll bereits in wenigen Jahren Ergebnisse bringen.

Kassel (dpa). Manchmal beginnt die Zukunft mit der Grafik eines alten Computerspiels: Der virtuelle Bahnhof auf den Leinwänden vor Student Philipp Krause sieht nicht echt aus. Passanten schleichen eher apathisch als realistisch durch die Hallen. Für die Forscher der Universität Kassel kommt es darauf auch nicht an. Wichtiger ist, dass Krause sich in dem virtuellen Bahnhof bewegen kann. Sensoren erfassen seine Schritte auf einer Plattform, ohne dass der Student in der Realität von der Stelle kommt.

»Cave« wird dieses Labor genannt. Hier wollen Forscher demnächst simulieren, was auf Kassels Straßen später getestet werden soll: »Wir haben ein Assistenzsystem konzipiert, das Fahrgäste bedarfsgerecht entlang ihrer Reisekette unterstützt«, sagt Ludger Schmidt, Koordinator des Projekts und Leiter des Fachgebiets Mensch-Maschine-Systemtechnik. Die Fahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln soll so bequemer, einfacher und attraktiver werden.

Die Vision: Ein Lieferdienst bringt die Einkaufstüten nach Hause, während der Fahrgäste bequem mit Bus und Bahn fährt. Bereits vor dem Einstieg weiß er, ob in der Bahn Platz für seinen Kinderwagen ist. Und als es eine Verspätung gibt, wartet der Anschlussbus.

Test von Lieferrobotern

Ermöglichen will dies das Forschungsprojekt »Unbeschwert urban unterwegs« (U-hoch-3), das am Freitag an der Uni vorgestellt wurde. Die Entwicklung des Konzepts ist beendet, in den nächsten vier Jahren soll es umgesetzt werden. 6,6 Millionen Euro stehen insgesamt bereit, 4,5 Millionen sind Zuschüsse. Gefördert wird U-hoch-3 durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung.

Geforscht und entwickelt wird nicht nur im Labor. Ein einjähriger Test auf Kassels Straßen ist vorgesehen. Als Partner sind unter anderem der Logistikkonzern DHL, der Nordhessische Verkehrsverbund NVV und die Kasseler Verkehrs-Gesellschaft KVG an Bord.

Ideen gibt es genug. Beispielsweise soll der Einsatz von Lieferrobotern in Einkaufszentren getestet werden, die Einkäufe in ein Depot bringen. Von dort aus geht es dann zum Kunden nach Hause. Auf viele Fragen haben die Forscher noch keine Antworten: Wie kommt der Kunde dann schnell an seine Einkäufe? Werden die Kosten bezahlbar sein? Ab wie vielen Fahrgästen mit Umstiegswunsch muss ein Bus warten?

Ob das System funktioniert, wird auch an den Nutzern hängen: »Wir haben einen neuen Ansatz: Der Fahrgast soll seinen Fahrtwunsch äußern«, erklärt Wolfgang Rausch, Geschäftsführer des Nordhessischen Verkehrsverbundes. Über Handyapps, Terminals an Haltestellen sowie in Bus und Bahn muss er sagen, was er vorhat. Dafür bekommt er Infos - zum Beispiel wie voll eine Bahn ist. Die Anwendungsmöglichkeiten der Technik seien groß: »Wir können uns vorstellen, dass das nicht nur Thema für den Nahverkehr ist, sondern auch für den Fernverkehr und die Verknüpfung von Nah- und Fernverkehr.«

Lastenräder statt Kleintransportern

Bei der Umsetzung geht es auch um Umweltfreundlichkeit. Statt Kleintransportern sollten für den Lieferdienst Lastenräder zum Einsatz kommen, sagt Schmidt: »Wenn außerdem öffentliche Verkehrsmittel attraktiver werden und dadurch Autofahrer auf Bus und Bahn umsteigen, reduziert dies zusätzlich die Schadstoff- und CO2-Emissionen in der Stadt und verbessert die Lebensqualität im urbanen Raum.«

Bis die ersten Tests im Alltag beginnen, wird es noch ein bisschen dauern. Der Feldversuch finde voraussichtlich erst am Ende der vierjährigen Umsetzungsphase statt.

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