Sa., 14.09.2019

Erst Frankreich, jetzt NRW: Säuglinge mit zu wenig Fingern Auffällig viele Fehlbildungen

Dieser Junge aus Frankreich ist mit einer Fehlbildung der Hand auf die Welt gekommen.

Dieser Junge aus Frankreich ist mit einer Fehlbildung der Hand auf die Welt gekommen. Foto: dpa

Von Lukas Brekenkamp

Gelsenkirchen (WB). Eine Klinik in Gelsenkirchen hat innerhalb weniger Monate ungewöhnlich viele Handfehlbildungen bei Neugeborenen festgestellt. Dort sind seit Juni drei Babys mit einer deformierten Hand zur Welt gekommen.

Schon in Frankreich hatte es eine Reihe an Fehlbildungen der Arme und Hände bei Neugeborenen gegeben: Mindestes 25 Kinder sollen mit solch einer Deformation geboren worden sein. Untersuchungen blieben ohne Ergebnisse.

Öffentlich gemacht hat den Fall in Gelsenkirchen die Kölner Hebamme Sonja Liggett-Igelmund (45). In Hebammenkreisen sei über dieses Thema diskutiert worden. Der Tenor: Fehlbildungen kämen generell immer häufiger vor. Im Gespräch mit dem WESTFALEN-BLATT sagt sie: »Bei mir haben sich mittlerweile mehr als 30 weitere betroffene Familien gemeldet – aus ganz Deutschland. Die Häufigkeit ist auffällig.« Dabei handele es sich um Fehlbildungen der Hand, teilweise des Armes.

Weitere Fälle in Euskirchen

Im Kreis Euskirchen hat es offenbar ebenfalls eine ungewöhnliche Häufung von Neugeborenen mit Handfehlbildung gegeben. Das berichtete der CDU-Bundestagsabgeordnete Detlef Seif dem »Kölner Stadt-Anzeiger«. »Ich weiß von drei Fällen aus den letzten Monaten, in denen Kinder mit nur einer Hand geboren wurden«, sagt Seif.

Die Klinik in Gelsenkirchen hat sich in einer Mitteilung am Freitag an die Öffentlichkeit gewandt. Demnach seien zwischen Juni und September 2019 drei Kinder mit einer Handfehlbildung zur Welt gekommen. Die Kinder seien vor der Geburt nicht im Krankenhaus untersucht worden. Die Klinik schreibt: »Bei zwei der betroffenen Kinder war die linke Hand deformiert – bei normalem Unterarm waren die Handteller und Finger nur rudimentär angelegt. Bei einem Kind war die rechte Hand betroffen – auch hier waren bei normalem Unterarm die Handteller und Finger nur rudimentär angelegt.« Eine ethnische, kulturelle oder soziale Gemeinsamkeit habe die Klinik nicht feststellen können. Jedoch wohnten alle Familien im Klinik-Umfeld.

Ursache könnte Infektion sein

»Fehlbildungen dieser Art haben wir viele Jahre lang nicht gesehen. Das mehrfache Auftreten mag auch eine zufällige Häufung sein. Wir finden jedoch den kurzen Zeitraum, in dem wir jetzt diese drei Fälle sehen, auffällig«, heißt es in der Mitteilung.

Statistisch werde etwa ein bis zwei Prozent aller Neugeborenen mit einer Fehlbildung unterschiedlicher Ausprägung geboren. Extremitätenfehlbildungen könnten während der Schwangerschaft durch Infektionen oder schädliche Stoffe auftreten, seien aber selten. Der entscheidende Entwicklungszeitraum liege sehr früh in der Schwangerschaft, zwischen dem 24. und 36. Entwicklungstag nach der Befruchtung der Eizelle. Eine ebenfalls mögliche Ursache sei das Abschnüren von Extremitäten etwa durch Nabelschnurumschlingungen während der Schwangerschaft im Mutterleib, was zu einer verminderten Weiterentwicklung der betroffenen Extremität führe.

Keine Häufungen der Fehlbildungen in Bielefeld

Prof. Werner Bader ist Chefarzt für Gynäkologie und Geburtshilfe am Klinikum Bielefeld. Er sagt, ihm sei keine Häufung der Fehlbildungen bei Neugeborenen bekannt. Dass diese identische Fehlbildung in kurzer Zeit nun aufgetreten ist, sei für ihn erst einmal Zufall. »So etwas kann immer wieder vorkommen«, sagt er. » Sollten Fehlbildungen aber beidseitig auftreten, sollte man hellhörig werden.«

NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann sagte am Freitag: »Die Berichte über Fehlbildungen müssen wir ernst nehmen. Hierbei helfen allerdings keine Spekulationen. Vielmehr muss den möglichen Ursachen mit der gebotenen Sorgfalt nachgegangen werden.«

Im Kontakt mit Fachleuten

Die Klinik habe bereits Fachleute in der Berliner Charité kontaktiert. Laumann sei zuversichtlich, dass neben der Ursachenforschung auch die zur Verfügung stehenden Instrumente der Qualitätssicherung greifen würden. »Die im Rahmen der Perinatalerhebung in den geburtshilflichen Kliniken erfassten und dokumentierten Daten – unter anderem über angeborene Fehlbildungen – werden von der Geschäftsstelle Qualitätssicherung Nordrhein-Westfalen bei den Ärztekammern Nordrhein und Westfalen-Lippe zur Qualitätssicherung bewertet. Die Perinatalerhebung ist sowohl für Kliniken als auch für freiberufliche Hebammen und Entbindungspfleger Pflicht.«

Das Ministerium werde von dem Krankenhaus einen Bericht anfordern.

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