Mi., 29.01.2020

Autor Christian Y. Schmidt (64) über seinen Alltag mit dem Virus in China Bielefelder lebt in Teilquarantäne

„Die Maske macht verdammt dicke Backen“, schreibt der Bielefelder Autor Christian Y. Schmidt, der in China lebt.

„Die Maske macht verdammt dicke Backen“, schreibt der Bielefelder Autor Christian Y. Schmidt, der in China lebt.

Peking (WB). Der aus Bielefeld stammende Autor Christian Y. Schmidt (64) lebt seit 2005 mit seiner chinesischen Frau in Peking. Im folgenden Text beschreibt er den aktuellen Alltag in China mit dem Coronavirus .

Der Bielefelder Journalist und Autor Christian Y. Schmidt vor einer Lesung im Buchladen Eulenspiegel. Foto: Thomas F. Starke

„Montag gab es den ersten Corona-Virus-Toten in Peking. Ein 50-jähriger Mann ohne Vorer­krankungen, der im Januar eine Woche lang in Wuhan gewesen war. Peking hat jetzt insgesamt 80 regis­trierte Fälle, hauptsächlich in den westlichen Bezirken wie Haidian und Fengtai. Im innerstädtischen Dongcheng District, in dem wir wohnen, sind bisher nur zwei Fälle registriert, im angrenzenden Chaoyang District schon 17, in unserem Subdistrict noch keiner.

Auffällig ist das zum Teil niedrige Alter der neuen Fälle, unter ihnen eine 19-jährige Frau. Und obwohl es nur eine Frage der Zeit war, bis es auch hier in der Hauptstadt den ersten Toten geben würde, fühlt man sich doch deutlich komischer, wenn man davon liest. Auch dass die deutsche Botschaft per Rundmail inzwischen allen Deutschen empfiehlt, ‚ggf. eine frühere Ausreise in Betracht (zu) ziehen‘, stimmt einen nicht unbedingt frohgemuter.

Wir haben uns inzwischen wie die meisten Pekinger, die noch in der Stadt sind und nicht bei der Verwandtschaft in der Provinz, eine Teilquarantäne auferlegt. Das heißt: Wir verlassen die Wohnung nur noch, wenn es unbedingt sein muss (meine Frau) oder zu Inspektionsgängen (ich). Das fällt uns umso leichter, da heute auch draußen mittlere Smogwerte vorherrschen. Zu Hause vertreiben wir uns die Zeit damit, alles gründlich durchzuputzen, und zwar mit je einem Schuss Dettol im Putz- und Waschmaschinenwasser. Die volle Flasche, die meine Frau aus einer verstaubten Ecke hervorgezaubert hat, stammt wahrscheinlich noch aus Zeiten der letzten Vogelgrippe-Epidemie.

Wir waschen die Bettwäsche durch, sämtliche in den letzten Tagen benutzten Handtücher und Putzlappen, putzen die Küche und desinfizieren alle Lichtschalter und Türklinken. Ob das überhaupt was nützt, wissen wir nicht, aber es beruhigt halt, wenn man irgendetwas Praktisches macht. Die Abende verbringen wir mit Filme­gucken: Vorgestern war „Contagion“ von Steven Soderbergh dran, gestern „Outbreak“ von Wolfgang Petersen. Soderberghs Film ist realistischer, während es beim ollen Petersen mehr zu gucken gibt. Zwischendurch wird das Internet auf neue Infos kontrolliert.

Gegen 13 Uhr trat ich meinen täglichen Spaziergang an. Mein Outfit habe ich leicht geändert. Statt gewohnter Mütze trage ich ein zur Mütze gebundenes Magic Headband. Außerdem Sporthandschuhe, die man ebenfalls nach einmaligen Gebrauch einfach waschen kann und die schnell wieder trocknen. Weiterer Vorteil: Man braucht die Handschuhe beim Bezahlen im Supermarkt nicht mehr ausziehen und bleibt also auch an diesem neuralgischen Punkt geschützt. Ein Nachteil entpuppte sich erst, als ich draußen war: Das Handy lässt sich mit Handschuhen deutlich schlechter bedienen.

Ich hatte den Eindruck, dass die Stadt heute noch leerer war als gestern. Im Moment ist hier so viel los wie in Bielefeld an einem Sonntagnachmittag. Statt etwa 70 Prozent wie noch gestern tragen nun etwa 95 Prozent der Passanten eine Maske. In der U-Bahn ist Maskentragen inzwischen Pflicht. Nur noch Hardcore-Raucher sieht man ohne oder mit runtergezogener Maske, da die Zichte ja sonst nicht ins Mundloch passt. Weitere Masken-Verweigerer sind einige wettergegerbte Alte, die alle durchweg den Eindruck machen, als hätten sie schon Härteres als so eine kleine Seuche überlebt, und ein vollbärtiger Ausländer. Tatsächlich ist eine Atemschutzmaske bei einem Vollbartträger ziemlich sinnlos, und ich prophezeie hier schon die große Vollbartrasurwelle in Hipster-Deutschland, sollte sich das Virus auch dort ausbreiten.

Das Protokoll bei der Rückkehr in die Wohnung lautet seit heute: sofort Schuhe ausziehen, Magic Headband und Handschuhe in eine Wanne, gründliches Händewaschen, Klamotten aus und in die Badewanne. Letzteres wird von Virologen empfohlen, da das Virus keine hohen Temperaturen mag. Haben wir jedenfalls gelesen.“

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