Mi., 19.09.2018

Analyse Atomstreit: Kim spielt den Ball zurück zu Trump

US-Präsident Donald Trump (r) und Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un während ihres ersten Spitzentreffens in Singapur.

US-Präsident Donald Trump (r) und Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un während ihres ersten Spitzentreffens in Singapur. Foto: Evan Vucci

Von dpa

Auf dem Korea-Gipfel verspricht Nordkoreas Machthaber Kim neue Schritte in Richtung einer atomwaffenfreien koreanischen Halbinsel. Doch bleibt Skepsis. Reicht es zu einem neuen Gipfel mit Trump?

Pjöngjang (dpa) - Ernst, fast angespannt schreitet Moon Jae In auf dem mit Marmorsäulen geschmückten Flur im Paekhwawon Staatsgästehaus in Pjöngjang entlang.

Südkoreas Präsident geht auf einen Raum zu, in dem zwei schwere Tische mit Stühlen bereitstehen, auf denen er und der nordkoreanische Machthaber Kim Jong Un eine neue Gipfelerklärung unterzeichnen werden, die es in sich hat. Überraschend enthält sie eine Fülle von Vereinbarungen, die die innerkoreanischen Beziehungen vorantreiben und letztlich auch zur Fortsetzung der Verhandlungen zwischen Nordkorea und Washington führen sollen.

Kurz nach Mitternacht in Washington reagiert US-Präsident Donald Trump noch schnell. So schnell, dass zunächst nicht klar war, auf welchen Teil der Gipfelübereinkunft er sich mit seiner Bemerkung auf Twitter, Nordkorea lasse «Atominspekteure» zu, bezog. Wie auch immer, Trump sieht «sehr spannende» Vereinbarungen.

Nordkorea ist bereit, weitere Schritte zur atomaren Abrüstung zu unternehmen, heißt es in der «Erklärung in Pjöngjang». Dazu soll auch die Schließung der wichtigsten Atomanlage Yongbyon nördlich der Hauptstadt gehören. Voraussetzung dafür sei allerdings, dass die USA korrespondierende Maßnahmen «im Geist ihrer gemeinsamen Erklärung vom 12. Juni» in Singapur unternähmen, heißt es.

In dem südostasiatischen Stadtstaat trafen sich Trump und Kim zu einem historischen Gipfel, um eine friedliche Ära in ihren von jahrzehntelanger Feindseligkeit geprägten Beziehungen einzuläuten. Doch die Erklärung wurde für ihre vagen Formulierungen kritisiert.

Ein Vertreter der südkoreanische Regierung sprach jetzt nach dem dritten innerkoreanischen Gipfel in Pjöngjang gar von «praktischen Schritten» zur Denuklearisierung, die Nordkorea unternehmen wolle. Doch bleibt die Gipfelerklärung erneut die Antwort auf die Frage schuldig, wie und bis wann - wie von den USA gefordert - auch die Atomwaffen und Interkontinentalraketen abgerüstet werden sollen.

Die Schließung des Yongbyon-Komplexes, in dem Nordkorea jahrelang sein Plutonium für Atombomben produziert hat, wäre solch ein wichtiger Schritt. Kim kündigte zudem an, seine Raketenstartanlage Sohae an der Westküste zerstören zu lassen. Kim würde damit ein Versprechen einlösen, dass er schon Trump gegeben hatte. Die Demontage soll von ausländischen Experten bezeugt werden. Es bleibt die einzige konkretere Abrüstungsmaßnahme, die in Pjöngjang vereinbart wurde.

Doch reichen Trump die Vereinbarungen von Pjöngjang aus, wieder mit Kim zu verhandeln? Kommentatoren waren sich einig, dass Kim jetzt den Ball wieder den USA zuspielen wollte. Der Gipfel habe die Aussicht auf einen weiteren Trump-Kim-Gipfel zumindest wieder aufgehellt.

Die Aufmerksamkeit richtet sich jetzt auf Trumps Treffen mit Moon am nächsten Montag. Am Rande der UN-Vollversammlung in New York wird ihm Moon über die Ergebnisse des dritten Korea-Gipfels in diesem Jahr unterrichten. Moons Vermittlerrolle kommt nicht zufällig zustande - sie ist von Nordkorea und den USA gewünscht.

Mit der Rolle setzt sich Moon selber stark unter Druck. In den USA regt sich die Sorge, die innerkoreanischen Beziehungen könnten sich weit rascher entwickeln, ohne dass die Atomverhandlungen vorankommen. Diese waren festgefahren. Trump pfiff im August Außenminister Mike Pompeo zurück, der einen neuen Besuch in Pjöngjang geplant hatte. Es gab aus seiner Sicht nicht genug Fortschritte im Atomstreit.

Experten bewerten den Korea-Gipfel positiv. Das Treffen müsse man als Teil eines langen politischen Prozesses verstehen, sagte der Leiter für Verteidigungsstudien an der US-Denkfabrik Center for National Interest, Harry Kazianis, in Seoul. «Das ist nicht Libyen. Das ist ein ausgereiftes Atomwaffenprogramm», sagt er zu Pjöngjangs Arsenal.

Es werde lange dauern, um Nordkoreas Programm zu beseitigen. «Sie benötigen eine Art politischen Rahmen, aber auch einen Kommunikationsrahmen.» Der einfachste Weg wäre es, wenn beide Seiten simultane Schritte unternähmen, sagt der Experte. Die USA könnten einer Erklärung über ein formelles Ende des Korea-Kriegs (1950-53) zustimmen, Nordkorea könnte seinerseits sein Atomprogramm offenlegen. Aber sind beide dazu bereit?

Bei aller berechtigter Skepsis über den Abrüstungswillen Kims sieht auch der Ostasien-Professor Rüdiger Frank von der Universität Wien konkrete Fortschritte. «Es gibt noch viel zu tun - auf allen Seiten», schrieb Frank auf Twitter. «Aber wer die heutige Situation mit der Lage vor einem Jahr vergleicht ... muss ziemlich dickköpfig sein, wenn er nicht die massiven Verbesserungen zu schätzen weiß, die Moon, Kim und Trump erreicht haben.»

Kim taktiere geschickt, findet Professor Robert Kelly von der südkoreanischen Busan Universität. Die Taktik sei vermutlich, gerade soviel zu geben, dass Trump nicht die Geduld verliert, weil der US-Präsident und auch Moon verwundbar seien, kommentierte Kelly auf Twitter. Beide hätten ihr Schicksal mit Nordkorea geknüpft und bräuchten Erfolge. So sammle Kim Foto-Gelegenheiten, um sich ins rechte Licht zu rücken. «Diese Bilder wie die von früheren Gipfeln normalisieren Nordkorea einfach wie jedes andere Land auf Augenhöhe mit Südkorea - anstatt dass es wie die orwellsche Tyrannei behandelt wird, die es in Wirklichkeit ist», beklagte Kelly.

Im Anschluss an die Unterzeichnung der Gipfelerklärung wirkt Moon aber wieder entspannt. Beim Mittagessen mit kalten «Pjöngjang-Nudeln» in Rindfleischbrühe in einem Restaurant lacht er wieder und unterhält sich angeregt mit Kim und Tischnachbarn. Werden sich seine Hoffnung auf eine Wiederaufnahme der Verhandlungen zwischen Nordkorea und den USA erfüllen? Trump wird ihm nächste Woche eine Antwort geben.

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