Mi., 14.11.2018

Das Misstrauen sitzt tief Die große Angst der Nordiren vor dem Brexit

«You are now entering free Derry» (Du betrittst jetzt das freie Derry) steht an der Wand eines Hauses in der nordirischen Stadt. Hier herrscht große Angst vor dem Brexit.

«You are now entering free Derry» (Du betrittst jetzt das freie Derry) steht an der Wand eines Hauses in der nordirischen Stadt. Hier herrscht große Angst vor dem Brexit. Foto: Jonathan Porter/PressEye

Von dpa

Paramilitärische Gruppen, Hass zwischen Katholiken und Protestanten: Obwohl nur etwa eine Flugstunde von London entfernt, ist Nordirland wie eine andere Welt. Das macht die Brexit-Verhandlungen so schwer.

Londonderry/Belfast (dpa) - Die Täter klopften abends an dem Haus im nordirischen Londonderry. «Ich öffnete die Tür, sie drängten herein und schossen auf mich», berichtet Gerry Heaney. Die Kugeln drangen in die Knie, Knöchel und in einen Fuß.

Nach draußen traue er sich nun nicht mehr, sagt der für immer gehandicapte 54-Jährige dem «Derry Journal». Die Verletzungen sind typisch für eine Vergeltungstat paramilitärischer Gruppen in Nordirland - das Opfer soll leiden.

Die Paramilitärs, ein Überbleibsel aus dem blutigen Bürgerkrieg, wollen auf diese Weise «antisoziales Verhalten» bestrafen, zum Beispiel Drogenhandel. Manchmal bestellen sie ihre Opfer in einen Park, wo die maskierten Männer warten. «Shooting by appointment» nennen die Nordiren das. Vor einer solchen «Verabredung» trinkt sich so mancher Mut an oder pumpt sich mit Beruhigungsmitteln voll.

Wieso gehen die Bedrohten nicht einfach zur Polizei? «Die meisten hier trauen der Polizei doch nicht», brummt Michael Doherty. Daher versucht der Mediator, potenzielle Opfer vor den Paramilitärs in Londonderry zu schützen. Bringen die Gespräche mit beiden Seiten keinen Erfolg, gibt es nur einen Ausweg: die Flucht aus der Stadt. «Allein im letzten Jahr mussten 47 Menschen ihre Häuser auf Druck der Paramilitärs verlassen», sagte Doherty der Deutschen Presse-Agentur. «Letztlich stehen hinter solchen Gruppierungen politische Motive.»

Probleme wie diese sind nicht typisch für Westeuropa. Aber Nordirland ist irgendwie anders - und das macht auch die Brexit-Verhandlungen so schwierig. Am Montag kamen wieder die EU-Minister in Brüssel zusammen, um über den Stand der Gespräche zu beraten.

Der vor über 20 Jahren mit dem Karfreitagsabkommen geschaffene Frieden ist fragil. Die katholischen Nationalisten streben immer noch eine Wiedervereinigung des Nordens mit der Republik Irland an, die der Europäischen Union auch nach dem Brexit weiter angehören wird.

Die protestantischen Unionisten wollen weiter zu Großbritannien gehören, das der EU den Rücken kehrt. Paramilitärs führen sich nach wie vor wie ein Staat im Staat auf und warten möglicherweise nur auf eine erneute Eskalation des Nordirlandkonflikts. Grenzposten, wie sie wegen des Brexits befürchtet werden, wären das ideale Ziel für katholische Gruppen.

Vergeltung durch die Protestanten dürfte dann nicht lange auf sich warten lassen - und die Spirale offener Gewalt zwischen den Konfessionen wäre wieder in Gang gesetzt. Während des Nordirlandkonflikts wurden etwa 3700 Menschen getötet, fast 50.000 verletzt und 500.000 gelten als psychisch traumatisiert.

Auch im abgelegenen Londonderry im Nordwesten ist die Feindseligkeit noch zu spüren. Schon beim Namen fängt es an: Die Stadt heißt zwar offiziell Londonderry, die Bevölkerung aber, die vor allem aus Katholiken besteht, spricht von Derry. «Unsere Stadt sieht wunderschön aus, aber unter der Oberfläche ist es ganz anders», warnt der Mediator Doherty.

Seine Arbeit, für die er eine Auszeichnung bekam, hat auch mit seinen eigenen traumatischen Erfahrungen im Bürgerkrieg zu tun. Bomben explodierten in seiner Nähe und verursachten Gehörschäden. Als er am «Blutsonntag», dem 30. Januar 1972, mit anderen Katholiken in Londonderry gegen die britische Regierung protestierte, wurde direkt hinter ihm ein Demonstrant erschossen. «Ich wurde fast getötet.»

Der Bloody Sunday führte zu einer dramatischen Verschärfung des Nordirlandkonflikts. Insgesamt wurden an dem Tag 13 Menschen von britischen Soldaten getötet. Einer von ihnen war der Vater von Gleann Doherty, der Interessierte zu den Wandbildern - den Murals - an Häusern führt, auf denen die Grauen verewigt sind. Sein Vater sei wie die anderen Demonstranten unbewaffnet gewesen, aber die Täter seien ungeschoren davongekommen. «Ich habe kein Vertrauen in die britische Regierung», sagt Doherty der Deutschen Presse-Agentur.

Das Misstrauen sitzt tief - ebenso die Furcht vor wirtschaftlichen Einbußen, sollte der Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union wieder zu einer Grenze mit Kontrollen führen. «Ich fahre zweimal pro Tag rüber», erklärt Gleann Doherty. In der Republik Irland könne er viel billiger tanken. Krebspatienten aus dem Nachbarland dürften sich in einer Klinik in Derry behandeln lassen. «Mein Sohn besucht ein College auf der irischen Seite - wie soll das nach dem Brexit werden?» Es gebe viele Verflechtungen. «Eine feste Grenze könnte nicht neue Unruhen fördern, es wird sie geben!»

Das alles macht auch London und Brüssel große Sorgen. Die fast 500 Kilometer lange, unsichtbare Grenze wird jeden Monat von Hunderttausenden Last- und Lieferwagen überquert. Rund 30 Prozent des nordirischen Handels wird mit dem Nachbarland abgewickelt. Beim Brexit-Referendum stimmten die Nordiren mehrheitlich für den Verbleib in der EU.

Die mühsam aufgebaute zarte Bande auf der irischen Insel könnte durch den EU-Austritt Schaden nehmen, warnt Soziologin Katy Hayward von der Queen's University in der nordirischen Hauptstadt Belfast. Das gelte für soziale, wirtschaftliche und politische Bereiche.

Belfast ist mit mehr als hundert sehr hohen Zäunen durchzogen, die katholische von protestantischen Wohnvierteln trennen. Trotzdem fliegen Golfbälle und Molotowcocktails über die sogenannten Friedensmauern, die eine Gesamtlänge von etwa 25 Kilometern haben. Ob Katholiken oder Protestanten - Provokationen gibt es auf beiden Seiten. Daher wird schon mal vorsichtshalber unter einem Stahlkäfig im Garten gegrillt, falls das eigene Heim an einer Mauer liegt. Paramilitärs treiben auch hier und an anderen Orten ihr Unwesen.

Die Mitglieder solcher Gruppen sind von ihren Aktionen überzeugt. «Das ist doch soziales Handeln», sagt der schwer bewaffneter Anführer einer paramilitärischen Gruppe in einer BBC-Dokumentation. «Wenn wir auf jemanden schießen, dann ist das eine kalkulierte Entscheidung, die er verdient hat.» Man lebe halt in Nordirland nicht in einer normalen Gesellschaft. «Wir könnten auch neben deiner Oma wohnen. Daher fürchten uns die Leute so. Wir kommen einfach aus dem Schatten, erledigen unsere Aufgaben und gehen nach Hause.»

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