Mi., 23.07.2014

Musik Bayreuther Festspiele ohne Neuinszenierung

Ottmar Hörls Wagner-Figuren vergangenes Jahr vor der Kulisse des Festspielhauses in Bayreuth. Foto: Daniel Karmann

Ottmar Hörls Wagner-Figuren vergangenes Jahr vor der Kulisse des Festspielhauses in Bayreuth. Foto: Daniel Karmann Foto: dpa

Von dpa

Bayreuth (dpa) - Im großen Wagner-Jahr 2013, zum 200. Geburtstag des großen Komponisten, blickte die Welt noch mehr als sonst auf Bayreuth und seine Festspiele.

Hunderte Mini-Wagners säumten den Weg auf den Grünen Hügel - ein Kunstprojekt mit dem Namen « Wagner dirigiert Bayreuth » zu Ehren des ebenso umstrittenen wie vergötterten Musik-Genies.

Zum ersten Mal seit 13 Jahren gab es einen neuen Bayreuther « Ring des Nibelungen ». Und weil niemand Geringerer als das Enfant terrible Frank Castorf diesen Ring inszenierte, standen Publikum und Feuilleton Kopf - in leidenschaftlicher und lautstarker Ablehnung des Castorf'schen Chaos' oder in Respekt und Bewunderung dafür, wie Castorf den Grünen Hügel mit seiner respektlosen Interpretation des vierteiligen Mammutwerkes aufwühlte.

Ein Jahr danach, zum 201. Geburtstag Richard Wagners, macht dieser «Ring», oder vielmehr sein Regisseur, immer noch Schlagzeilen. Denn was Castorf in der Woche vor dem Start der Festspiele dem «Spiegel» gesagt hat, ist mehr als eine Provokation. Es ist eine Abrechnung mit Bayreuth, seinem Publikum und dem gesamten Festspiel-Betrieb.

Weil Castorf das Gefühl hat, die Festspielleitung wolle Einfluss auf seine umstrittene Inszenierung nehmen, hat er sich anwaltlich vom Linke-Fraktionschef Gregor Gysi beraten lassen, wie er im Interview des «Spiegel» sagte. «Man redet hier sehr wenig mit mir», sagte er. «Als wäre ich ein Idiot.» Und dann zieht er nochmals deutlicher Parallelen zur DDR: «Es herrschen hier Angst, Vorsicht und vorauseilender Gehorsam», sagte er. «Ich kenne das aus dem Osten. Man legt Wert auf das Prinzip der Hierarchie.»

Und auch wenn er sich erfolgreich gegen den Versuch der Festspielleitung gewehrt habe, ein NPD-Plakat von der Bühne zu nehmen - der «Ring» habe sich musikalisch im Vergleich zu Jahr eins verändert. «Wenn ich jetzt in den Bühnenorchesterproben sitze, dann bemerke ich plötzlich einen schrecklichen Gleichklang im Rhythmus, im Tempo, im Licht und im Spiel der Sänger», sagte er dem «Spiegel». «Es ist Stadttheater in aller Schönheit entstanden. Furchtbar. Die Stürme haben sich gelegt, die Langeweile hat gesiegt.»

Zu vermuten ist allerdings, dass das, was Castorf «Stadttheater» nennt, den konservativen Wagnerianern im Zuschauerraum vielleicht zumindest etwas besser gefallen könnte als im vergangenen Jahr. Wird das Publikum sich mit seiner Interpretation von Wagners Mammut-Werk versöhnen? Wird es den Zuschauern in diesem Jahr besser gefallen, dass das «Rheingold» in einem US-amerikanischen Motel spielt und der «Siegfried» vor der Kulisse einer kommunistischen Version des Mount Rushmore?

Das Urteil einiger Kritiker fiel im Gegensatz zu dem des Bayreuther Publikums im vergangenen Jahr vergleichsweise milde aus. Als «kühn und modern» wurde das gelobt, was der Werkzertrümmerer Castorf mit «Rheingold», «Walküre», «Siegfried» und «Götterdämmerung» anstellte. Das eher klassisch orientierte Bayreuther Publikum sah das allerdings zum größten Teil anders und buhte Castorf nach dem Ende des vierten Teils wütend und minutenlang aus.

Traditionell kommen die Festspiele in dem Jahr nach einem neuen «Ring» ohne Neuinszenierung aus. Eigentlich ist es eine Zeit, durchzuarbeiten. Selbst Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), eigentlich Dauergast, schwänzt die Eröffnung. Sie kommt erst später nach Bayreuth - «aus terminlichen Gründen», wie Festspiel-Sprecher Peter Emmerich sagte. Nach Angaben des kaufmännischen Geschäftsführers der Festspiele, Heinz-Dieter Sense, will sie sich aber den «Ring» zu Ende anschauen, weil sie das im vergangenen Jahr nicht geschafft habe.

Auch Bayreuth-Stammgast Thomas Gottschalk kommt nach Angaben Senses nicht. Dafür stehen aber die Schauspielerinnen Iris Berben, die im Februar als Komponisten-Witwe und Hügel-Herrin Cosima Wagner im ZDF zu sehen war, und Hannelore Elsner auf der Gästeliste - ebenso wie Moderator Johannes B. Kerner.

Merkel und Gottschalk verpassen also die ebenfalls hoch umstrittene «Tannhäuser»-Inszenierung aus dem Jahr 2011 von Sebastian Baumgarten, mit dem die Festspiele in diesem Jahr starten. Ein Jahr, bevor die Interpretation, die Teile der Handlung in eine Biogasanlage verlegt, vom Bayreuther Spielplan fliegt, bekommt sie noch einmal einen ganz prominenten Platz.

Als Ersatz für den «Tannhäuser» darf die «Lohengrin»-Produktion von Hans Neuenfels auch im kommenden Jahr auf dem Spielplan bleiben, die dann im sechsten Jahr gezeigt wird. Auch Neuenfels' «Lohengrin»-Deutung - er verwendet unter anderem Rattenkostüme - war am Anfang kontrovers diskutiert worden, wurde dann aber nach und nach immer freundlicher aufgenommen. Welchen dieser beiden Wege Castorfs «Ring des Nibelungen» einschlagen wird, ist die wohl spannendste Frage in Bayreuth in diesem Jahr. Mit seinem Rundumschlag gegen den Grünen Hügel dürfte der Regisseur sich zumindest bei eingefleischten Wagnerianern allerdings nicht unbedingt beliebter gemacht haben.

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