Loveparade: Morgen vor fünf Jahren wurden 21 Menschen totgetrampelt oder erdrückt
»Mangel an Nachsorge«

Duisburg (WB/epd). Morgen ist es fünf Jahre her, dass bei der Massenpanik auf der Duisburger Loveparade 21 Menschen starben und mehr als 500 verletzt wurden. Viele leiden bis heute.

Donnerstag, 23.07.2015, 10:38 Uhr aktualisiert: 23.07.2015, 10:41 Uhr
Loveparade: Morgen vor fünf Jahren wurden 21 Menschen totgetrampelt oder erdrückt  : »Mangel an Nachsorge«
24. Juli 2010: Die ersten Besucher befreien sich aus der drangvollen Enge, die meisten anderen und auch einige Polizisten stehen aber noch teilnahmslos herum und ahnen noch nichts von der gleich einsetzenden Massenpanik. Foto: dpa

Mehr als 44.000 Seiten umfasst die Akte zum Loveparade-Verfahren am Landgericht Duisburg mittlerweile. Dazu kommen 800 Aktenordner mit Anlagen und einige Terabyte Videomaterial. Bei der strafrechtlichen Aufarbeitung ist fünf Jahre nach dem Duisburger Loveparade-Unglück mit 21 Toten noch kein Ende absehbar. Seit mittlerweile anderthalb Jahren prüft das Landgericht Duisburg, ob das Hauptverfahren eröffnet wird. In diesem Jahr, erklärte das Gericht jüngst, werde es wohl nicht mehr dazu kommen.

»Für die Hinterbliebenen und Betroffenen ist das bitter«, weiß der Duisburger Pfarrer Jürgen Widera, Ombudsmann der Stadt für die Opfer. »Der Strafprozess gehört zum Trauerprozess als wesentliches Element dazu«, sagt der evangelische Theologe. Das Verfahren hänge »wie ein Damoklesschwert« über den Betroffenen. Auch Jörn Teich, Co-Vorsitzender des Selbsthilfe-Vereins »LoPa 2010«, betont: »Der Strafprozess ist ganz wichtig für die Schuldfrage, die die Betroffenen haben.«

Hunderttausende Techno-Fans waren am 24. Juli 2010 nach Duisburg gekommen, um auf dem Gelände eines ehemaligen Güterbahnhofs zu feiern. Als der Zugang zum Festivalgelände wegen Überfüllung immer wieder kurzzeitig geschlossen wurde, brach auf einer Zugangsrampe und in dem dorthin führenden Tunnel eine Massenpanik aus. 21 Menschen im Alter von 18 bis 39 Jahren wurden totgetrampelt oder erdrückt, mehr als 500 verletzt.

Die Staatsanwaltschaft Duisburg glaubt, dass das Unglück vermeidbar gewesen wäre. Im Februar 2014 erhob sie Anklage gegen vier Mitarbeiter der Veranstalterfirma Lopavent und sechs Bedienstete der Stadt Duisburg, unter anderem wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung. Als Ursache für das Unglück sieht die Staatsanwaltschaft Planungsfehler und die fehlende Überwachung von Auflagen. Zentrales Beweismittel ist ein Gutachten des britischen Panikforschers Keith Still. Offenbar waren dessen Ausführungen dem Gericht bislang aber zu dünn: Die Richter stellten dem Experten etwa 75 Ergänzungsfragen, seine Antworten liegen erst seit kurzem vor. Nun haben alle Verfahrensbeteiligten bis September Zeit, Stellung zu nehmen. Erst danach entscheidet das Gericht, ob das Hauptverfahren eröffnet wird.

Viele Festivalbesucher litten auch fünf Jahre nach dem Unglück noch unter psychischen Problemen, sagt Ombudsmann Widera. Manche seien deswegen seit Jahren arbeitsunfähig. Viele wenden sich an den Pfarrer, weil sie unter unklaren Zuständigkeiten leiden und von Amt zu Amt geschickt werden. Widera versucht dann, sie an passende Hilfs- und Beratungseinrichtungen zu vermitteln.

Auch der Betroffenen-Vertreter Jörn Teich, der 2010 selbst zu den Loveparade-Besuchern gehörte, kritisiert: »Der Mangel an Nachsorge ist selbst eine Katastrophe.« Kurz nach dem Unglück hätten viele Psychotherapeuten kurzfristig Platz für Opfer in ihrem Terminkalender gemacht. Jetzt müssten sie bis zu zwei Jahre auf einen Therapieplatz warten. Teich sieht eine Versorgungslücke in Deutschland: »Opfer von Straftaten bekommen Unterstützung vom Weißen Ring. Für Opfer von Katastrophen ist niemand wirklich zuständig.« Die Verarbeitung des Unglücks werde noch lange dauern, glaubt er. »Das ist eine Riesen-Narbe in dieser Stadt.«

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