Do., 08.11.2018

Revolution 1918: Zur Untätigkeit verurteilte Matrosen empfanden die Not als besonders sinnlos Hunger-Rufe statt Hurra

Revolutionäre Matrosen nach der Erstürmung des Gefängnisses in der Königstraße forderten die Errichtung einer sozialistischen Räterepublik.

Revolutionäre Matrosen nach der Erstürmung des Gefängnisses in der Königstraße forderten die Errichtung einer sozialistischen Räterepublik. Foto: Bundesarchiv

Von Matthias Meyer zur Heyde

Wilhelmshaven (WB). »Die Republik war der Friede«, befand 1928 Carl Severing. Was der ostwestfälische SPD-Politiker im Abstand von zehn Jahren zum Ende des großen Sterbens verlauten ließ, klingt nach dem Pfeifen im Walde. Zwar verhinderten 1918 die Matrosen der kaiserlichen Flotte eine letzte Schlacht gegen England, aber Demokraten waren sie damit keineswegs: Der Friede macht noch keine Republik.

Das Bild (»Narrativ«), das heute gerne von jenen revolutionären Tagen gezeichnet wird, hält in mancher Hinsicht der Überprüfung nicht stand. Schon dass die zweite deutsche Diktatur 1980 in Ostberlin auf einer Gedenktafel festschrieb, die Matrosen hätten damals »in den schweren Kämpfen der Konterrevolution fest an der Seite des Proletariats« gestanden, stimmt misstrauisch.

Aber der Reihe nach. Ende Oktober 1918 plante die Admiralität einen Vorstoß der »Dickschiffe« in die Themsemündung, der den für England lebenswichtigen Nachschub stören sollte. Würde dann die Grand Fleet anrücken, stets bedroht von Minen und deutschen U-Booten, hätte man sich unter dem Schirm deutscher Luftaufklärer nach Belieben zur Schlacht stellen oder aber den Gegner ausmanövrieren können.

Kriegsmüde Matrosen sahen im Flottenbefehl vom 24. Oktober nur eine »Todesfahrt«. Bundesdeutsche Nachgeborene kauen – erkennbar in volkspädagogischer Absicht – diese Ansicht wieder. Von einem Selbstmordplan jedoch kann keine Rede sein, wie Historiker längst nachgewiesen haben.

Der Soldatenrat des Schlachtschiffs »Prinzregent Luitpold«. Foto: Bundesarchiv

Das sah man in England genauso: Der Flottenchef John Jellicoe sei »der einzige Mann auf beiden Seiten, der den Krieg an einem Nachmittag verlieren konnte«, urteilte Englands Erster Lord der Admiralität Winston Churchill zu Kriegsbeginn. Angesichts der 1918 völlig ausgelaugten deutschen Armeen in Frankreich darf man Churchills Diktum als stark überakzentuiert bezeichnen. Stellt man aber die maßlosen alliierten Kriegsziele in Rechnung, galt sein Wort über Jellicoe auch 1918 noch.

Neuer Feind: der Offizier

Der Flottenbefehl vom 24. Oktober war allerdings gar nicht dazu gedacht, den Krieg auf den letzten Metern doch noch zu eigenen Gunsten zu entscheiden. Stattdessen wollte die Admiralität die bedingungslose Kapitulation vermeiden helfen und einen Verhandlungsfrieden ermöglichen. Keine Utopie: Ganz ähnliches hatten Jahrhunderte zuvor die Holländer unternommen, als sie 1667 – im Kriegshafen von Chatham, vor der Nase der Engländer – das britische Flaggschiff »Roy­al Charles« kaperten.

Der Befehl zur Ausfahrt am 30. Oktober kam jedoch zur Unzeit. Militärexperten kritisieren, man hätte warten sollen, bis die Note des US-Präsidenten Woodrow Wilson vom 23. Oktober, in der er das deutsche Friedensangebot brüsk zurückwies, öffentlich bekannt gewesen wäre – dann hätte man die allgemeine Empörung für die eigenen Ziele nutzen können. So aber schossen Gerüchte ins Kraut: Der Kaiser sei an Bord, um mit Mann und Maus und fliegenden Fahnen unterzugehen.

Blick auf eine Friedenskundgebung der revolutionären Matrosen in Kiel. Foto: Bundesarchiv

Unfug. Der Wille zur Meuterei speiste sich eher aus anderen Quellen. Schon im Sommer 1917 hatte es erste Unruhen auf den Großkampfschiffen gegeben: Bei einem Flottenbesuch wurde der Kaiser mit »Hunger!«-Rufen statt mit »Hurra!« begrüßt. Zwei Matrosen wurden hingerichtet. Gut ein Jahr später fand in den Mannschaften die Formel »Friede in Sicht« Gehör – mit der Folge, dass man statt wie bisher die Engländer nun die unbeirrt kriegsgestimmten Herren in der Offiziersmesse als Feinde betrachtete. Dann beobachtete man, dass der Kommandant des Schlachtkreuzers »Derfflinger« seine gesamte Habe von Bord bringen ließ – in eklatanter Verletzung des demokratischen Elements der Seefahrt, wonach in der Not alle Besatzungsmitglieder gleich sind: Diese Maxime gilt ja schon in Shakespeares Drama »Der Sturm« (1611).

Aus der Provinz nach Berlin

Stattdessen aber waren die sozialen Verhältnisse an Bord zu »kastenartigen Strukturen erstarrt«, diagnostiziert Andreas Krause 1999 in seinem Buch »Scapa Flow« über die spätere Selbstversenkung der Hochseeflotte. So war es weniger die Unterversorgung mit Lebensmitteln, die die Matrosen zum Aufstand trieb, sondern eher, dass sie auf den im Hafen an der Kette liegenden Schiffen unter der Knute der Offiziere zur Untätigkeit verurteilt waren, »und dann erst die Not als sinnlos erscheint«, wie Walter Rathenau später schrieb. Gut beobachtet: Die Mannschaften der viel aktiveren U-Boote und Torpedoboote wurden ja auch nicht besser verpflegt, marschierten aber nicht unter der roten Fahne.

Ausgehend von Wilhelmshaven wollten die Matrosen nicht länger »Räder der Schlachtmaschine« sein. Von dem Kürzel S.M.S. (Seiner Majestät Schiff), das dem Schiffsnamen vor­ausging, ließen sie nur das zweite S stehen und übermalten die schwarz-weiß-roten Kokarden rot. Die Artilleristen bauten die Geschützverschlüsse ab und warfen sie über Bord, während die Heizer die Kohlenfeuer unter den Kesseln löschten, und die »Decksziegen« (Marinejargon) rote Fahnen am Mast hochzogen.

Die revolutionären Matrosen. Foto: Bundesarchiv

Standen die Offiziere auch weitgehend machtlos dem Treiben gegenüber, so ließen sie auf zwei veralteten Linienschiffen doch 600 Mann verhaften. Und der Kommandant der »König« schoss einen Mann nieder, woraufhin er seinerseits niedergeschossen wurde und zwei Offiziere starben.

Die Unruhen griffen am 1. November auf Kiel über. Am 4. November beherrschten die Aufständischen die ganze Stadt, und am 6. November sah man Soldatenräte in weiteren norddeutschen Städten. 7. November: Braunschweig. 8. November: Köln. Dort stellte der kooperative Oberbürgermeister Konrad Adenauer (!) den Räten Büroräume im Rathaus zur Verfügung. Erst wurde die Provinz rot. Schließlich: München und Berlin.

Gefallen an der Macht

Der Publizist Joachim C. Fest merkt, die Deutschen kennten weder geköpfte Könige noch gestürmte Bastillen. Gedankenvoll, aber tatenarm, urteilte Hölderlin.

Tatenarm? In Kiel fielen täglich in den Straßen Schüsse. Dort übernahm schließlich der SPD-Politiker Gustav Noske, ein Zivilist also, als »Gouverneur« das Kommando über 80.000 Soldaten und erkannte die Räte als legale Gegenmacht an. Aber solche Zugeständnisse wirkten nur bedingt mäßigend. Die Matrosen fanden Geschmack an der neuen Macht. Im Januar beraubten sie in Wilhelmshaven die Reichsbank. In Berlin wurden der SPD-Stadtkommandant Otto Wels (der 1933 die letzte Widerstandsrede gegen Hitler halten sollte) misshandelt und das Hohenzollernschloss geplündert. Mancherorts nahm die Gewalt bürgerkriegsähnliche Formen an: Entsetzte Bürger beauftragten loyale Armeeeinheiten, die Aufstände niederzuschlagen.

In letzter Konsequenz zeigte sich 1918, dass sich die revolutionäre Avantgarde nur dann demokratisch legitimieren kann, wenn die Mehrheit der Bevölkerung bereit ist, dieser Avantgarde zu folgen. Das war hier nicht der Fall – auch nicht die SPD wollte gemeinsame Sache mit den Roten machen. Gegen eine »Revolution auf geordnetem und friedlichem Wege« (ein Abgeordneter der Fortschrittlichen Volkspartei in der »B.Z. am Mittag«) hätte man nichts gehabt, aber den »bolschewistischen Weg mit allen Schrecken des Bürgerkriegs« wollte niemand gehen. Fazit: 2400 Tote unter den Aufständischen und eine gescheiterte Räterepublik.

Noch einmal: Not allein macht noch keine Revolution. Andernfalls würde sich die Frage nicht stellen, warum die Soldaten erst 1918 aufstanden, nicht schon in den vier entbehrungsreichen Jahren davor. Im Heer, das viel stärker gelitten hatte als die Marine, sind erst im Oktober 1918 auf Transporten an die Front 20 bis 30 Prozent der Soldaten »verlorengegangen«.

Als schließlich Admiral Adolf von Trotha den Oberheizer Bernhard Kuhnt, später SPD-Abgeordneter, um Mithilfe bat, die Flotte wieder gefechtsbereit zu machen, und Kuhnt ablehnte, war der 11. November 1918 gekommen. Und der Krieg zu Ende.

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