Fr., 09.11.2018

9. November 1938: von der Reichskristallnacht zum Novemberpogrom Noch immer sind nicht alle Vorgänge aufgeklärt

Wie 1406 andere deutsche Synagogen brannte am 9. November 1938 auch das jüdische Gotteshaus in Bielefeld. Es existiert dazu ein kurzer Film, der ein paar Nachbarn zeigt, die offenbar in Feierlaune den barbarischen Akt verfolgen

Wie 1406 andere deutsche Synagogen brannte am 9. November 1938 auch das jüdische Gotteshaus in Bielefeld. Es existiert dazu ein kurzer Film, der ein paar Nachbarn zeigt, die offenbar in Feierlaune den barbarischen Akt verfolgen Foto: Stadtarchiv Bielefeld

Bielefeld/Berlin (dpa/WB/mzh). Die Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, als SA und SS Synagogen anzündeten, jüdische Geschäfte verwüsteten und viele Bürger ermordeten, jährt sich heute zum 80. Mal. Noch immer sind nicht alle Vorgänge jener Nacht aufgeklärt. Und um den Begriff der »Reichspogromnacht« wird (wieder) eine Debatte geführt.

Wie das WESTFALEN-BLATT berichtete, bedürfen sogar die nackten Zahlen weiterer Forschung. Dennoch hat sich diesbezüglich einiges getan: Noch vor wenigen Jahren ging man von reichsweit 91 Toten aus, womit sogar noch zum 50. Jahrestag 1988 jüdische Institutionen wie das Simon-Wiesenthal-Center der NS-Sicherheitspolizei auf den Leim gingen. Jetzt aber kommt eine neue Studie allein auf dem Territorium des heutigen NRW auf 127 ermordete Juden.

Schätzungsweise 1500 Todesopfer

Die der Jerusalemer Organisation Beth Ashkenaz eingegliederte Synagogue Memorial zählt – sicher zu Recht – anders: Nicht nur jene jüdischen Bürger, die der Mob am 9. November unmittelbar erschoss, erstach oder ertränkte (mindestens 400), sondern auch die Selbstmorde jener Nacht sowie schließlich diejenigen, die damals ins KZ abtransportiert und dort umgebracht wurden, gehören auf die Liste der Opfer. Synagogue Memorial beziffert also die Zahl der Toten auf 1300 bis 1500.

Das alles zeigt bereits, dass am 9. November 1938 keineswegs nur das Glas der Schaufensterscheiben in fast 6000 Läden zu Bruch ging. Trotzdem kursierte damals gleich das Wort von der »Reichskristallnacht«, das erst in den 80er Jahren durch den Begriff »Reichspogromnacht« ersetzt wurde. Verdienstvoll: Das NS-Dokumentationszentrum Topographie des Terrors in Berlin regt jetzt endlich eine Debatte über dieses »Po­grom«-Wort an – in der Ausstellung »Kristallnacht« (bis 3. März).

»Kristallnacht« keine Nazi-Erfindung

Die gängige Argumentation lautet: Weil damals erstens Menschen verfolgt und getötet wurden, sei die Bezugnahme auf splitterndes Glas/Kristall unangemessen – wer von der »Reichskristallnacht« spreche, verharmlose das Ereignis. Zweitens verfalle man in diesem Fall in den Nazi-Jargon – schließlich habe Propagandaminister Goebbels die »Reichskristallnacht« erfunden. Beides ist falsch.

Schon in Pressetexten gerät einiges durcheinander. Gestern wieder (aber nicht nur da) schreibt die Deutsche Presseagentur, Goebbels habe nach dem 9. November von einer »spontanen Welle des Volkszorns« gesprochen – nur um wenige Zeilen später zu behaupten, der Begriff »Reichskristallnacht« sei von den Nazis übernommen worden. Tatsächlich existiert nur eine einzige Tonaufnahme, in der ein NS-Funktionär das Kristall-Wort benutzt: der Düsseldorfer SS-Brigadeführer Wilhelm Börger.

Dies geschah aber erst im Juni 1939, gut sieben Monate nach dem Ereignis. Am wahrscheinlichsten ist, dass die Nazis eine Wortbildung der – zu Goebbels’ großem Ärger regimekritischen – Berliner übernahmen. Das vermutete schon der Sprachexperte Dolf Sternberger, der im »Wörterbuch des Unmenschen« über die Lingua Tertii Imperii informierte.

Kein russischer Ursprung

Den Sprachwitz, wie er sich im Kristall-Wort offenbart, besaß das NS-Regime gar nicht. Vor allem die Vorsilbe »Reichs-« nimmt frech die Manie auf die Schippe, alle NS-Institutionen als »reichs«- bezogen zu adeln – bis hin zum völlig ernst gemeinten Reichsvollkornbrotausschuss. Mit der im Volk verbreiteten Titulierung der in Filmen tragisch endenden Schauspielerin Kristina Söderbaum als »Reichswasserleiche« findet sich ein weiteres schönes Beispiel für den kritischen Humor von unten. So wie man offen ansprach, dass Goebbels’ Reichs(!)- filmkammer den deutschen Film gängelte, so wusste man und zeigte es auch, wer für den Terror des 9. Novembers verantwortlich war.

Noch etwas: Es gibt keine Wörter aus dem Russischen, die Eingang in die deutsche Sprache gefunden haben. Ausnahme: »Der Rubel muss rollen.« Ausgerechnet für das nationalsozialistische – mitnichten russische! – Verbrechen aber soll nun das »Pogrom« (russisch für »Verwüstung«) herhalten. Das verschleiert nur die Identität des Verbrechers, und offenbar soll es das auch.

In den 50er Jahren konnten sich deutsche Historiker das Grauen der zwölf furchtbaren Jahre nur als Einbruch »asiatischer« Grausamkeit in die »Hochkultur« des Deutschen erklären, eine realitätsferne Ansicht, die Ernst Nolte im Historikerstreit der 80er Jahre mit dem Diktum von der »asiatischen Tat« noch einmal wiederbelebte.

Begriff eigentlich Regime-Verhöhnung

1978 forderte als Erster der SPD-Bundestagsabgeordnete Klaus Thüsing, den 9. November 1938 fortan als »Reichspogromnacht« zu bezeichnen; seit 1988 ist diese Vorspiegelung falscher Tatsachen Standard. Die Engländer, dies nur nebenbei, bleiben bei der »crystal night«, die Franzosen bei der »nuit de crystal«, die Italiener bei der »notte dei cristalli«.

»Judenaktion« oder »spontaner Volkszorn« – das war Nazi-Vokabular. Die »Reichskristallnacht« hingegen »war eine offensichtliche Verhöhnung der Nationalsozialisten und des NS-Staates« schrieb 1988 der jüdische Historiker Michael Wolffsohn. Die Berliner Wortschöpfung habe »Widerwillen« gegen das Regime bekundet. Die Bevölkerung »zeigte leider nicht Widerstand«. Der wäre wünschenswert gewesen, doch es habe ja schon am Widerwillen gemangelt. Um so wertvoller das Beispiel Reichskristallnacht. »Das bißchen Kerzenlicht in dunkelster Zeit sollten wir nicht auch noch freiwillig nachträglich ausblasen.«

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