Mo., 24.06.2019

Kunst-Biennale in Venedig dreht sich um Klimawandel, Umweltschutz und Migration – mit Video Vom Leben und Sterben in interessanten Zeiten

Der Künstler Lorenzo Quinn, Sohn des Schauspielers Anthony Quinn (1915-2001), hat in Venedig mit sechs Paaren überdimensionaler Hände eine bogenförmige Brücke installiert.

Der Künstler Lorenzo Quinn, Sohn des Schauspielers Anthony Quinn (1915-2001), hat in Venedig mit sechs Paaren überdimensionaler Hände eine bogenförmige Brücke installiert. Foto: Andreas Schnadwinkel

Von Andreas Schnadwinkel

Venedig (WB). Alte Themen in neuen Werken: Wer es böse mit der internationalen Kunstszene meint, der kann sich auf der 58. Kunst-Biennale in Venedig hinstellen und sagen: Alles schon mal gesehen, denen fällt nichts Neues ein. Man kann aber auch zu dem Schluss kommen, dass die Probleme der Welt in den Bereichen Klima, Umwelt und Migration seit 2017 noch größer geworden sind. Denn in den Ausstellungen geht es fast nur darum.

»May you live in interesting times« – »Mögest Du in interessanten Zeiten leben«. Das offizielle Motto, das angeblich ein chinesischer Fluch sein soll, lässt alles zu. Was ist heutzutage, da die Welt aus den Fugen zu geraten scheint oder tatsächlich aus den Fugen gerät, schon uninteressant? Biennale-Kurator Ralph Rugoff hat zum Auftakt der weltweit wichtigsten Kunstschau Bemerkenswertes gesagt: »Ich glaube, die Kunst sollte sich davor hüten, Phänomen wie Neoliberalismus, Rassismus oder andere Probleme aus einer vereinfachenden, oppositionellen Position des Aktivismus heraus anzugehen. Kunst ist der Ort der Komplexität. Politische Korrektheit führt nicht zu guter Kunst.«

Gegenwärtige Zustände kritisieren

Wenn sich der US-Amerikaner, der in London die Hayward Gallery leitet, selbst an seinen Worten messen würde, müsste er sein Scheitern eingestehen. Denn seinen Appell, wenn er als solcher beabsichtigt gewesen sein sollte, haben die eingeladenen Kunstschaffenden dieser Biennale – ob im offiziellen Teil in den Giardini-Pavillons und im Arsenale oder in den eigenständigen nationalen Beiträgen in den Palazzi – weitgehend ignoriert.

Nicht erst bei dieser Biennale - aber hier erleben wir den vorläufigen Höhepunkt einer Entwicklung - hat eine Art Haltungskunst die künstlerische Meisterschaft in Bildhauerei, Malerei und anderen Formen abgelöst. Was alle zwei Jahre in Venedig ausgestellt wird, muss natürlich auf der Höhe der Zeit sein und gegenwärtige Zustände kritisieren. Alles andere wäre lächerlich und nicht wünschenswert. Aber Kunst verliert an Bedeutung, wenn sie nur ein plattes Statement transportiert – und das obendrein mit dem einfachsten digitalen Mittel: dem Smartphone-Video.

Identitätspolitik

Zwar haben die Macher des deutschen Pavillons sichtbar mehr Aufwand betrieben, aber sie betreiben eben auch puren politischen Aktivismus. Eine neun Meter hohe Mauer aus Spritzbeton teilt das Gebäude. Von vorn sieht es aus wie eine Barriere, von hinten wie ein Staudamm – die Festung Europa. Aus Beton gegossene Findlinge liegen in Rinnsälen aus Latex. Und im Nebenraum stapeln sich blaue Gemüsekisten und eine Werbetafel für Tomaten. Klar, was hier angeprangert werden soll: Die illegal nach Europa gekommenen Afrikaner werden auf süditalienischen Gemüsefeldern ausgebeutet, damit wir im Supermarkt billig Tomaten kaufen können. Kunst mit Holzhammerbotschaft. Und wie könnte es beim deutschen Biennale-Beitrag anders sein: Identitätspolitik kommt auch vor. Die iranische Künstlerin hat sich den Namen Natascha Süder Happelmann gegeben, weil ihr echter Name in Deutschland meistens falsch geschrieben wird; in Wirklichkeit heißt sie Natascha Sadr Haghighian und lehrt Bildhauerei an der Kunsthochschule in Bremen.

Starke Wirkung

Es macht eben einen Unterschied, ob eine Installation platt oder plakativ ist. Der deutsche Beitrag ist platt, »Barca Nostra« ist plakativ. Dass Menschen, die ihre Länder aus welchen Gründen auch immer verlassen und sich auf den Weg machen, bei der Überfahrt ihr Leben riskieren und es im Mittelmeer verlieren, ist eine humanitäre Katastrophe. Das ist nicht neu. Und weil es nicht neu ist, droht es in Vergessenheit zu geraten oder als Normalität hingenommen zu werden. Dagegen geht Christoph Büchel mit »Barca Nostra« (Unser Boot) an. Der Schweizer hat das Wrack eines am 18. April 2015 zwischen Libyen und Lampedusa gesunkenen Flüchtlingsschiffs in seinen Besitz gebracht und von Sizilien nach Venedig schleppen lassen. Mehr als 800 Menschen, in großer Mehrzahl Afrikaner, ertranken nach der Havarie, nur 28 überlebten. 2016 ließ der damalige italienische Ministerpräsident Matteo Renzi das Wrack unter heftigen Protesten bergen. Kosten: zehn Millionen Euro. Renzi wollte das 20 Meter lange Boot vor dem Mailänder Dom aufstellen oder direkt zur Europäischen Union nach Brüssel bringen – als Mahnmal dafür, dass ganz Europa die Mittelmeerländer in der Flüchtlingskrise im Stich gelassen und eine Mitverantwortung für die Situation getragen hatte.

Und als Mahnmal steht das ehemalige Fischer- und spätere Schlepperboot jetzt noch bis zum Ende der Biennale am 24. November auf dem Trockendock im Arsenale. Manche Besucher gehen achtlos an dem Wrack vorbei. Hier im Hafenbecken ist ein Schiff keine Besonderheit. Andere wissen um die Tragödie und versuchen einen Blick in den Rumpf zu werfen. Mehr als 800 Menschen sollen da Platz gefunden haben? So unvorstellbar wie der Todeskampf der Ertrunkenen. „Barca Nostra“ hat eine starke Wirkung, wenn man die Hintergründe kennt.

Und wer sie kennt, der setzt sich nicht in die Bar vis-à-vis und trinkt dort sein Bier.

Der Gastronom, der an dieser Stelle eine horrende Pacht zahlen muss, würde wohl lieber in weniger interessanten Zeiten leben.

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