So., 14.07.2019

Zürcher Wissenschaftler forscht zu schriftlicher und digitaler Kommunikationskultur »Postkarten machen Freude«

Ständer für Postkarten gibt es immer noch, obwohl Karten heute seltener geschrieben werden. Nicolas Wiedmer forscht darüber.

Ständer für Postkarten gibt es immer noch, obwohl Karten heute seltener geschrieben werden. Nicolas Wiedmer forscht darüber. Foto: dpa

Berlin (WB). Postkarten sind im digitalen Zeitalter doch out, oder? Sind sie nicht, sagt Nicolas Wiedmer, Doktorand der Uni Zürich. Zusammen mit der Technischen Uni Dresden arbeitet er an einem Forschungsprojekt, dass die Entwicklung der Ansichtskarte kulturwissenschaftlich untersucht. Dafür nahmen Wiedmer und seine Kollegen 14.000 Karten seit 1930 unter die Lupe. Hagen Strauß sprach mit dem Experten über die Bedeutung der Postkarte.

Herr Wiedmer, was macht die Postkarte so einzigartig?

Nicolas Wiedmer: Sie ist einfach eine tolle Textform. Vor allem aber handelt es sich um ein persönliches handschriftliches Dokument. Man muss ein Motiv aussuchen, die Karte kaufen und sich überlegen, was man schreiben will, weil man nur begrenzt Platz hat. Man kann ja nicht löschen wie bei den digitalen Nachrichten.

 

Hat sich im Handy-Zeitalter die Sprache verändert?

Wiedmer: Eindeutig. Es gibt eine Emotionalisierung der Sprache von damals auf den Postkarten. In den 50er Jahren ist alles lediglich gut gewesen. Heute ist alles super, genial oder wunderbar.

 

Sind Postkarten nicht out? Alle Welt nutzt doch Whats­app und schickt darüber auch Urlaubsfotos.

Wiedmer: Nein, Ansichtskarten finden immer noch Verwendung. Das hat auch etwas mit der Materialität zu tun. Postkarten kann man zu Hause und im Büro aufhängen. Es gibt eine Sehnsucht nach Persönlichem in der digitalen Welt, haben wir festgestellt. Und das gibt der Postkarte eine gute Überlebenschance.

Täglich Whatsapp

Machen Postkarten also mehr Freude als Handynachrichten?

Wiedmer: Ja, das geht zumindest vielen Menschen so. Postkarten machen Freude. Wir kriegen unzählige Whatsapp-Nachrichten tagtäglich, aber selten finden wir eine Karte im Briefkasten. Das macht sie zu etwas Besonderem.

 

Wie haben sich die Karten im Laufe der Jahrzehnte verändert?

Wiedmer: Anfangs gab es nur eine Bild- und eine Adressseite, keinen Platz für Text. Also haben die Leute noch etwas auf die Bildseite geschrieben. Dann wurde ein kleines Feld für Nachrichten angebracht, und schließlich erkannten die Hersteller, dass es doch ein großes Mitteilungsbedürfnis gab. In der Folge wurde die Adressseite dann aufgeteilt, und es entstand die Form von Ansichtskarte, die wir heute noch kennen.

Trend zur Selbstdarstellung

Ist das, was die Menschen aus dem Urlaub geschrieben haben, auch anders geworden?

Wiedmer: Da hat sich im Laufe der Jahre viel verändert. Früher konzentrierte sich der Schreiber sehr stark auf die Reise. Zum Beispiel ging es darum, wie abenteuerlich es war, von A nach B zu gelangen. Die Postkarte war vor allem dazu da, seinen Lieben mitzuteilen, dass man gut angekommen war. Viele Dinge, die man heute mit einem Anruf erledigt, wurden damals ebenfalls auf die Karte geschrieben. Wie zum Beispiel Bitten, doch noch das eine oder andere zu besorgen.

 

Und heute?

Wiedmer: Es gibt auch auf den Postkarten einen Trend zur Selbstdarstellung und zur Bewertung, wie man den Urlaub findet, ob man ihn genießt oder nicht. Das kennen wir ja auch aus den digitalen Nachrichten. Die Erlebnisse stehen nicht mehr so im Vordergrund.

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