Sa., 20.07.2019

75 Jahre Stauffenberg-Attentat: Widerstand erfordert mehr als nur Distanz zum Regime Die Einsamkeit der Außenseiter

Reichsmarschall Hermann Göring (helle Uniform) und Martin Bormann (links), Chef der Reichskanzlei, begutachten am 20. Juli 1944 die Schäden in der Wolfsschanze. Weil die Baracke in Leichtbauweise errichtet war, verpuffte ein Teil der Explosionskraft – Hitler überlebte verletzt.

Reichsmarschall Hermann Göring (helle Uniform) und Martin Bormann (links), Chef der Reichskanzlei, begutachten am 20. Juli 1944 die Schäden in der Wolfsschanze. Weil die Baracke in Leichtbauweise errichtet war, verpuffte ein Teil der Explosionskraft – Hitler überlebte verletzt.

Von Matthias Meyer zur Heyde

Berlin (WB). »Daß der Nazi dir den Totenkranz flicht – Deutschland, siehst du das nicht?«, fragte Kurt Tucholsky 1930. Tatsächlich schien das Land geschlossenen Auges in den Untergang zu taumeln. Hinterher allerdings wollten viele glauben machen, sie seien im Widerstand gewesen. Zum Jahrestag des Stauffenberg-Attentats mag die Frage erlaubt sein, was davon zu halten ist.

Am 20. Juli 1944, an diesem Samstag vor 75 Jahren, deponierte Oberst Claus Graf Schenk von Stauffenberg in der Wolfsschanze, Hitlers Hauptquartier in Ostpreußen, eine Bombe.

Claus Graf Schenk von Stauffenberg steht für den 20. Juli 1944.

Vier Menschen starben, aber der Diktator wurde nur leicht verletzt. Gegen Mitternacht wurden Stauffenberg und drei Mitverschwörer in Berlin erschossen. In den folgenden Tagen und Wochen liquidierte das Regime etwa 150 an der »Operation Walküre« beteiligten Personen oder trieb sie in den Tod.

Stauffenberg kennt jeder. Die Geschwister Scholl, natürlich. Georg Elser hingegen, der Hitler 1939 mit einer Bombe erledigen wollte, bewegt sich schon am Rande der öffentlichen Wahrnehmung, da hat auch Oliver Hirschbiegels Elser-Film von 2015 nicht viel geholfen. Aber Ludwig Gehm? Sabotage und »Hochverrat« seit 1933 (KZ-Haft und 1944 Desertion aus dem Strafbataillon 999). Helmut Hirsch? Attentatsversuch 1936 († 1937). Maurice Bavaud? Attentatsversuch 1938 († 1941).

Georg Elser versuchte schon im November 1939 ein Attentat.

Und. Und. Und.

Alle vergessen. Oder: Nie gehört. Denn zwar bewahrt man Freiheitskämpfern wie den Napoleon-Gegnern Andreas Hofer und Ferdinand von Schill ein ehrendes Angedenken, aber »ganz anders ist es, wenn der Feind kein Fremder ist«, diagnostiziert der Historiker Wolfgang Benz in seiner faktensatten Untersuchung »Im Widerstand« (C.H. Beck, 560 Seiten, 32 Euro). Gegen eine Diktatur im eigenen Land »aufzustehen und ihr Unrecht zu benennen findet nicht den Beifall der am Regime Mitwirkenden, der Nutznießer, der Claqueure.« Und die Anerkennung der Überlebenden, die sich in die »Stunde Null« nach der Diktatur retten konnten, erringt man nur nach langem Zögern.

Taten des Regimes

Es ist ja wahr: Den Gehorsam zu verweigern gehörte nicht zu Tradition und Erziehung der meisten Deutschen. Mochte der Hohenzollernthron auch verwaist sein, so blieben viele Bürger doch monarchisch gesinnt, dachten in ständischen Kategorien (seit Fontanes »Poggenpuhls« hatte sich die Gesellschaft in dieser Hinsicht kaum geändert), ordneten sich autoritären Vorgaben willig unter oder drifteten ins kommunistische Lager. Plötzlich aber, am 30. Januar 1933, sollte man aufbegehren? Wo doch nicht mehr zu beklagen war, als dass ein »böhmischer Gefreiter« die Reichskanzlei okkupiert hatte?

Man hat das Attentat vom 20. Juli oft als Akt des »verzagten Widerstands« bezeichnet, denn das Militär geriet erst spät und unter großen Skrupeln in Opposition zu Hitler. Viele Offiziere verurteilten, verachteten oder beklagten die Taten des Regimes, aber die meisten tolerierten es – und zwar bis zum letzten Atemzug des Diktators. Nach 1945 war die Reaktion auf das Ereignis, dem eingedenk des Treueids der Wehrmacht lange das Odium des Verrats anhaftete, ähnlich zwiegespalten. Im Prinzip war diese Sichtweise nur das Spiegelbild der weit verbreiteten Überzeugung, dass der millionenfache Judenmord eine Legende oder zumindest stark überzeichnet worden sei.

Wenn aber, dieser Faktenverleugnung zufolge, Hitler nicht viel Schlimmeres verbrochen hatte, als einen Krieg zu verlieren, war ein Attentat dann überhaupt gerechtfertigt?

»Selbst Bundespräsident Theodor Heuss fühlte sich gezwungen zu rechtfertigen, was eigentlich hätte gefeiert werden müssen«, schrieb der Historiker Fritz Stern 1954 zum 10. Jahrestag des 20. Juli. Die politischen Spitzen der jungen Bundesrepublik kniffen. Bundeskanzler Konrad Adenauer wusste, dass laut Umfrage in den 50ern jeder dritte Bundesbürger das Attentat missbilligte, folglich weigerte er sich, die Attentäter zu rehabilitieren. Aber »Widerstand gegen das Gewaltregime, gegen den Staat, der Unrecht propagiert und Verbrechen begeht, ist legitim und notwendig«, schreibt Wolfgang Benz. »Das weiß man heute. Das ist eine Lehre aus der Geschichte des Nationalsozialismus als Ideologie und Herrschaft.«

Dennoch mochten, infiziert von einer Flut von apologetischen Zeitungsartikeln, nicht einmal die Historiker das Selbstverständliche unumwunden anerkennen: Als sie ihre anfängliche Distanz zu den Akteuren aufgegeben hatten, drängten sie in einer seltsamen ideologischen Volte die Verschwörer in die Rolle von Vorbildern und Vorkämpfern für die zweite deutsche Demokratie.

Adlige aus dem bayerischen Schwaben

Stauffenberg und seine Mitstreiter aber waren alles andere als das. Der Adlige aus dem bayerischen Schwaben dachte in sozialen Hierarchien, gehörte als Offizier der Reichswehr einer antidemokratischen Institution an und gefiel sich als Gefolgsmann des priesterlichen Lyrikers Stefan George in der Rolle des elitär überhöhten Ästheten. Genau diesen letzten Punkt hebt Thomas Karlauf (Stauffenberg. Porträt eines Attentäters; Blessing, 368 Seiten, 24 Euro) in einer derzeit heiß diskutierten Biographie hervor – mit einem Fazit, das der seit Jahren grassierenden Heldenverehrung einen schweren Schlag versetzt. Unter politischen und militärischen Gesichtspunkten wäre Hitlers Tod 1944 viel zu spät eingetreten. Schlimmer: Es hätte eine zweite Dolchstoßlegende gedroht. Dass das Attentat ein Akt der angeblichen »Ehrenrettung« Deutschlands gewesen sei, ist bloß eine späte Instrumentalisierung des 20. Juli aus durchsichtigen Motiven. Nach Karlauf ist die Deposition der Bombe eine der Ideenwelt Stefan Georges entlehnte Tat: heroische Ästhetik. Heldenhaftes Handeln mit dem Ziel, elitären Heldenmut zu demonstrieren.

Wie soll man das bewerten? Als Beseitigung eines Tyrannen oder als Attentat? Karlauf wagt eine Antwort im Titel seines Buches.

Die 14-teilige WDR-Doku »Das Dritte Reich« von 1960/61 gab Hitler die Schuld an allem und stilisierte breite Bevölkerungskreise zu Widerständlern. Um aber den 20. Juli einordnen zu können, muss man wissen, wo Widerstand beginnt und wo seine Grenzen zu harmloser Distanz zum Regime verlaufen. Tyrannenmord ist Widerstand, keine Frage. Und der Flüsterwitz? Wer ihn öffentlich erzählt wie Karl Valentin, der zum Erstaunen seines Publikums mit erhobenem Arm, als sei’s der Hitler-Gruß, die Kabarettbühne betrat und dann erklärte, so hoch sei sein Hund im fröhlichen Spiel gesprungen, der riskiert eine ganze Menge. Wer ihn hingegen still und leise unter Freunden zum besten gibt, läuft keine Gefahr, von der Gestapo abgeholt zu werden. Distanz, nicht Widerstand.

»Widerstand war mehr als nur Verweigerung, als schweigende Ablehnung, mehr als die Verurteilung des Diktators und seiner Gehilfen im geschlossenen Kreis«, urteilt Benz. Widerstand manifestiere sich in der Aktion, in der Tat, im Bewusstsein, die Folgen ertragen zu können. Kurz: kein Widerstand ohne das Risiko der Gefährdung der eigenen Person.

NS-Gegner

Wie immer ist die historische Wirklichkeit komplexer, als sie sich in guidoknoppschen TV-Seminaren darstellt. Pater Maximilian Kolbe ging freiwillig in den Todesbunker von Auschwitz und starb wie 4000 andere Geistliche: Widerstand aus dem Glauben heraus. Aber dass die Kirche, die sich auch bei der Mordserie beim »Röhm-Putsch« in Schweigen hüllte, einhellig protestiert hätte, ist nicht protokolliert. Die Juristen Hans Lukaschek (Kreisauer Kreis) und Friedrich J. Perels (Freiburger Kreis), Widerständler in Verteidigung des Rechts, wurden schwer gefoltert bzw. hingerichtet. Aber die »stockkonservative bis reaktionäre Weimarer Justiz« (Kai Ambos: »Nationalsozialistisches Strafrecht«; Nomos, 170 Seiten, 39 Euro) tolerierte den endgültigen Untergang des Rechtsstaats, als Hitler im August 1934 Reichspräsidenten- und Kanzleramt in (s)einer Person vereinigte. Die Offiziere Stauffenberg und Tresckow (um stellvertretend nur diese zu nennen) gingen für versuchten Tyrannenmord in den Tod. Aber den Treueid auf Adolf Hitler leistete die Wehrmacht 1934/35 freiwillig.

Die ersten NS-Gegner waren die Arbeiter, und die waren bereits in den Mühlen von Gleichschaltung, Gewerkschaftsverboten, Folter und Lagerhaft zerrieben, als sich im Bürgertum, das Hitlers Machtübernahme mit distanziertem Interesse beobachtet hatte, der erste Unmut zu regen begann. Da aber war das Denunziantentum der Blockwarte, war der Terror der Gestapo bereits so weit etabliert, dass man lieber den Mund hielt. Mit der Folge, dass die letzten, die zu murren begannen, die Beamten und Diplomaten – und die Militärs –, ziemlich alleine gegen das System standen.

Es bleibt dabei: Widerstand, so er diesen Namen verdient, ist die Entscheidung für die Einsamkeit des Außenseiters.

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