Christina Végh über ihre Ideen zur Zukunft der Bielefelder Kunsthalle
»Wir tragen den Kunstschatz hinaus in die Stadtgesellschaft«

Bielefeld (WB). Als das Gespräch auf das reparaturbedürftige Dach der Bielefelder Kunsthalle kam, blickte Christina Végh (48) von ihrem Platz im Café des Hauses unwillkürlich nach oben. Nun – so baufällig, dass es durchregnen könnte, ist der Johnson-Bau, dessen Leitung die Schweizer Kunsthistorikerin im Frühjahr übernimmt, dann doch nicht.

Samstag, 07.09.2019, 11:01 Uhr aktualisiert: 07.09.2019, 11:42 Uhr
Christina Végh löst im Frühjahr Friedrich Meschede in der Leitung der Kunsthalle ab. Eventuell 2023 wird das Museum zur Baustelle, aber der Kunsthistorikerin ist nicht bange, wenn das Team, die Politik und die Bürger an einem Strang ziehen. Foto: Thomas F. Starke
Christina Végh löst im Frühjahr Friedrich Meschede in der Leitung der Kunsthalle ab. Eventuell 2023 wird das Museum zur Baustelle, aber der Kunsthistorikerin ist nicht bange, wenn das Team, die Politik und die Bürger an einem Strang ziehen. Foto: Thomas F. Starke

Der noch nicht exakt terminierte Wechsel an der Spitze der Kunsthalle von Friedrich Meschede zu der von Hannovers Kestner-Gesellschaft kommenden Kennerin der Gegenwartskunst soll ein kompletter Neustart werden. Dazu gehört nicht nur, dass das Museum zu einer für den Publikumsverkehr geschlossenen Baustelle wird, frühestens allerdings erst 2023, wie Georg Fortmeier (SPD), Vorsitzender des Aufsichtsrats, erklärte. Auch die Stadt soll nach vielen Jahren der Enthaltung mithelfen und ihren Etat für Ankäufe von Kunstwerken von Null auf 100.000 Euro erhöhen, »wenn es nach mir geht, sogar auf 150.000 Euro«, sagte Fortmeier – entschieden ist aber noch nichts.

Gratulationen aus aller Welt für Wechsel nach Bielefeld

Wie es aussieht, hat Christina Végh noch genug Zeit für die eine oder andere Ausstellung. »Für detaillierte Konzepte ist es noch zu früh, aber ich möchte die hochkarätige Sammlung der Kunsthalle in neuen Konstellationen vorstellen, neue Verbindungslinien in die Jetztzeit sichtbar machen«, sagte Christina Végh, als sie sich am Freitag in Bielefeld vorstellte. »Bielefeld hat allen Grund, auf seine Sammlung stolz zu sein. Als mein Wechsel feststand, habe ich Gratulationen aus aller Welt bekommen«, sagte Christina Végh. »Jetzt gilt es, das Wissen um diesen Schatz verstärkt nach außen zu tragen, hinein in die Stadtgesellschaft.« Noch zu schaffende 1,5 Stellen im Bereich Vermittlung – auch im digitalen Sektor – seien vorgesehen, um einen ersten Schritt in den Neubeginn zu machen. »Weitere Schritte werden folgen müssen, denn ein modernes Museum kann nicht mehr nur ein Hort des kulturellen Gedächtnisses sein, sondern muss auch serviceorientiert auftreten, muss Neugier und Offenheit der Bürger befeuern.«

Kunst an anderen Orten?

In diesem Sinne blickt Christina Végh, bekannt für ihre guten Kontakte im Kunstbetrieb, an ihrer neuen Wirkungsstätte auch in Richtung Universität, aber natürlich auch auf die andere Straßenseite zum neuen Stenner-Museum und zum Kunstverein. »Und wer sagt denn, dass wir, solange die Kunsthalle renoviert wird, nicht auch mit Kunst an andere Orte innerhalb Bielefelds gehen können?«

Hört sich spannend an. Ebenso wie die Andeutung, Kunst und aktuelle gesellschaftliche Vorgänge – wenn möglich – zu verknüpfen. Als Beispiel nennt Christina Végh die Südafrikanerinnen Irma Stern († 1966) und Marlene Dumas (66), »die in ihrer Kunst den Blick auf das Fremde gerichtet haben, ebenso wie Europa heute den Blick auf das Fremde heftet«.

Erweiterungsbau für Végh möglich, aber kein Muss

»Die Geschichte in der Gegenwart sichtbar machen« soll ein Leitmotiv in der Arbeit der designierten Kunsthallenchefin werden. »Dinge, die uns heute im Alltag passieren, die wir im Hier und Jetzt finden, entdecken wir ebenso in der Kunst – auch in Werken zurückliegender Epochen.« Einem (immer wieder diskutierten) Erweiterungsbau der Kunsthalle steht Christina Végh natürlich offen gegenüber, aber ein Muss sei er nicht. »Viel wichtiger ist es, das, was wir hier haben, bestmöglich zu nutzen.« Bei diesem Bemühen müssten alle, Stadt und Politik, Wirtschaft und Sponsoren, Personelles und Finanzielles, ihr hausinternes Team und die Bürger in Stadt und Land an einem Strang ziehen. Dann sollte der Neustart der Bielefelder Kunsthalle in eine Erfolgsgeschichte münden.

Vertrag läuft über acht Jahre

Die Stelle des Bielefelder Kunsthallendirektors wurde im Dezember ausgeschrieben, bis zum 31. Januar lagen 37 internationale Bewerbungen vor. Sie wurden von einer Findungskommission gesichtet, der unter anderem Dr. Friedemann Malsch (Kunstmuseum Liechtenstein), Frédéric Bußmann (Chemnitz), Susanne Titz (Abteiberg-Museum Mönchengladbach) und Ulrike Groß (Kunstmuseum Stuttgart) angehörten. Im Mai gab es Bewerbungsgespräche, die Findungskommision sprach eine einstimmige Empfehlung zu Gunsten von Christina Végh an den Aufsichtsrat der Kunsthalle aus.

Als sich Végh Anfang August dem Aufsichtsrat präsentierte, war auch der überzeugt und gab eine einstimmige Empfehlung an die Gesellschafterversammlung ab. Christina Véghs Vertrag läuft, anders als bei ihren Vorgängern (fünf Jahre), über acht Jahre.

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.
 
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6906529?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198306%2F2509831%2F2198346%2F
Legal vielleicht, legitim nicht
Unternehmer Clemens Tönnies. Foto: Oliver Schwabe
Nachrichten-Ticker