Mo., 07.10.2019

Dunja Hayali vermittelt ihre eigene Sicht auf Deutschland »Demokratie ist meine Heimat«

Die Fernsehjournalistin Dunja Hayali stellte in Bielefeld ihr Buch »Haymatland« vor und brach eine Lanze für Anstand und Demokratie, Höflichkeit und Respekt. Sportfans kennen die Journalistin auch als Moderatorin des »Aktuellen Sportstudios«.

Die Fernsehjournalistin Dunja Hayali stellte in Bielefeld ihr Buch »Haymatland« vor und brach eine Lanze für Anstand und Demokratie, Höflichkeit und Respekt. Sportfans kennen die Journalistin auch als Moderatorin des »Aktuellen Sportstudios«. Foto: Kerstin Panhorst

Von Kerstin Panhorst

Bielefeld (WB). »Meine Heimat ist die Freiheit. Meine Heimat ist die Demokratie. Meine Heimat ist das Grundgesetz. Und meine Heimat hält die Würde der Menschen für unantastbar – und zwar nicht nur der Deutschen«, sagt Dunja Hayali und erntet Applaus.

Die Journalistin und Fernsehmoderatorin ist in die Stadthalle Bielefeld gekommen, um ihr Buch »Haymatland: Wie wollen wir zusammenleben?« vorzustellen und um zu diskutieren. Doch wirklich konträre Meinungen findet sie nicht unter den 360 Zuschauern, sondern nur viel Zustimmung.

Verwunderlich ist das nicht, denn was die 45-Jährige literarisch aufbereitet und auch immer wieder in spontanen Einwürfen darstellt, sollte eigentlich selbstverständlich für jeden Menschen sein. Anstand und Demokratie zu bewahren, Höflichkeit und Respekt im Alltag walten zu lassen und andere Menschen zu tolerieren, auch wenn sie eine andere Meinung haben, sind nach Meinung der gebürtigen Westfälin aus Datteln aussterbende Tugenden. Normale Anstandsformen verlieren an Wert, »bitte« und »danke« verschwinden aus dem Sprachgebrauch, und das Klima in der Gesellschaft ist vergiftet durch Hass, Missgunst und Abschottungsphantasien.

Seit die Tochter irakischer Eltern in der Öffentlichkeit steht und im ZDF diverse Nachrichtenmagazine moderiert, bekommt auch sie vermehrt die sich verbreitende Hasskultur zu spüren, in den sozialen Medien, aber auch im echten Leben. Täglich bekommt sie Hassnachrichten, wüste Beschimpfungen und Drohungen. »Araber-Lesbe« und »Links-Grüne Scheiße« wird Dunja Hayali per Mail und auf Twitter genannt, in einer aktuellen Nachricht schreibt ihr jemand »Brenn, Hayali-Hexe brenn, du Hure wirst zerschmettert«. »Die gehen selbst in ihrer ganzen Idiotie unter die Haut«, gesteht die Moderatorin des »ZDF-Morgenmagazins«.

In ihrer Lesung berichtet sie von Begebenheiten, bei denen sie oder andere angefeindet wurden: wegen ihrer Wurzeln, ihrer Religion oder ihres Aussehens. »Jeder Mensch hat Vorurteile, auch ich stecke voll davon, aber das ist nicht schlimm, solange wir diese Vorurteile mit der Realität abgleichen«, sagt sie. Umso wichtiger sei es, in einen Dialog zu treten, und zwar mit jedem: mit Linken und Rechten und all den anderen dazwischen. Man müsse wieder eine Streitkultur entwickeln und die Meinung anderer ernst nehmen. »Aber das ist meine Meinung. Ich möchte nicht indoktrinieren, ich bin nicht der Moralapostel der Nation, der alles besser weiß«, sagt Dunja Hayali, die die Hoffnung auf die liberale Demokratie und auf Humanität und Anstand nicht aufgibt.

Dunja Hayali ist mit ihrem Buch »Haymatland« bis 2020 auf Tour. Noch mehr als 20 Städte stehen auf dem Programm.

Kommentar von Matthias Meyer zur Heyde

Der Nationalstaat bleibt das politische Ordnungsprinzip Europas. Man mag das bedauern, man mag es bejubeln. Aber es ist Fakt. Die Debatte endet hier.

Dunja »Meine Heimat ist das Grundgesetz« Hayali exhumiert nun den schon vor 30 Jahren am Fuße des Elfenbeinturms beerdigten Leichnam des Verfassungspatriotismus à la Habermas und zeigt damit nur: Es war schon alles besprochen, bevor ich mich eingeklinkt habe. Aber, Leute: Ich weiß noch was.

Die Gegenwart, eine Waise, die, was ihre Fähigkeit zur Problemlösung angeht, von allen guten Geistern verlassen ist, sieht die Ich-weiß-was-Onkel (und Tanten) mit ihren dauererigierten Zeigefingern wie Pilze aus dem Boden schießen. Ungenießbar. Denn um einen Weg zum Verfassungspatriotismus – ohnehin ein intellektueller Notbehelf – zu finden, bräuchte es einen Diskurs. Verflixt komplexes Ding, so ein Diskurs. Und ganz unmöglich in einem Land, in dem jede Debatte im Treibsand des Moralisierens versinkt. Gerede ohne Substanz. Bloß wohlfeile Tipps. Habt euch lieb! Hass ist bähbäh!

Hätten Sie’s gewusst? Oder anders: Wer will das wissen? In der Stadthalle Bielefeld (2200 Sitzplätze) waren es 360.

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