Fr., 08.11.2019

Bielefelder Kunsthalle gibt einen Überblick über die Skulptur von Rodin bis heute Schön sperrig

Auseinandersetzung mit dem menschlichen Körper: Die Bielefelder Kunsthalle widmet der Skulptur ihre neue Ausstellung »L’homme qui marche«.

Auseinandersetzung mit dem menschlichen Körper: Die Bielefelder Kunsthalle widmet der Skulptur ihre neue Ausstellung »L’homme qui marche«. Foto: Bernhard Pierel

Von Burgit Hörttrich

Bielefeld (WB). Der »Denker«, die Plastik von Auguste Rodin (1880/82), ist seit der Eröffnung 1968 das Wahrzeichen der Bielefelder Kunsthalle. Dass das Museum weitere bedeutende Skulpturen im Eigenbesitz hat, beweist die Ausstellung »L’homme qui marche – Die Verkörperung des Sperrigen«, die an diesem Freitag eröffnet wird.

Zu sehen sind Werke von 32 Künstlern; der eigene Skulpturenbestand wird mit hochkarätigen Leihgaben ergänzt. Die Spannbreite reicht von der Skulptur, die der Schau ihren Namen gibt – »L’homme qui marche« (Der Schreitende), von August Rodin 1877/78 geschaffen, bis zur jüngsten Neuerwerbung des Museums, Lena Henkes »Ayse Erkmen’s endless knee» (2019). Das sind zwei überdimensionale Kniescheiben, die ineinander greifen und mit grünem Tennisplatzgranulat überzogen sind.

Die Kuratoren der Ausstellung, Kunsthallen-Direktor Friedrich Meschede, und seine Stellvertreterin Jutta Hülsewig-Johnen, betonen, dass nicht nur der Skulpturenpark als Teil der Ausstellung zu betrachten sei, sondern auch Joseph Beuys’ Projekt »7000 Eichen« gegenüber der Kunsthalle. Im Windfang der Kunsthalle werden die Besucher von der Bronze »Genius vom Beethoven-Denkmal« von Georg Kolbe empfangen, um dann im Foyer dem silberglänzenden »Großen Geistern« von Thomas Schütte zu begegnen und buchstäblich von den ausgestreckten Schaumstoffarmen von Wiebke Siem begrüßt zu werden.

Kunsthallen-Direktor Friedrich Meschede steht zwischen den »Armen» von Wiebke Siem, im Hintergrund eine Neuerwerbung: zwei überdimensionale Kniescheiben. Foto: Bernhard Pierel

Mehr als 80 Skulpturen, ergänzt durch Zeichnungen und Gemälde der Künstler, sind bis zum 8. März zu sehen. Und in einem Fall ist auch (fast) nichts zu sehen: Das Werk »Body Pressure« von Bruce Nauman besteht nur aus einer Wand und einem Poster mit Handlungsanweisungen, die dazu dienen, dass der Betrachter selbst zur Skulptur auf Zeit wird.

Jutta Hülsewig-Johnen weist darauf hin, dass von Anfang an die Auseinandersetzung mit dem Menschen, mit der Körperlichkeit, Sammlungsschwerpunkt der Kunsthalle im Bereich der Plastik gewesen sei.

Zu den Höhepunkten der Ausstellung gehört auch der »Baselitz-Saal«, im Mittelpunkt der »Blaue Kopf«. Er sei die erste Skulptur gewesen, die Georg Baselitz überhaupt verkauft habe – an die Kunsthalle Bielefeld, sagt Friedrich Meschede. Von Rodins »L’homme qui marche« sind gleich zwei Abgüsse zu sehen – Leihgaben des Von-der-Heydt-Museums Wuppertal und der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe. Bronzefiguren seien »selten ein Unikat, Rodins Plastik aber wegweisend, sagt Jutta Hülsewig-Johnen: »Ein Wendepunkt in der Geschichte der Skulptur.« Das Motiv des Voranschreitens werde auch auf einem Foto von Beuys aufgegriffen. Friedrich Meschede verweist auch auf eine Arbeit des japanischen Künstlers Goro Murayama, der sich nicht nur mit der biometrischen Gesichtserkennung künstlerisch auseinandersetze, sondern auch mit dem Schreiten: Forscher in Asien sollen es möglich machen, jeden Menschen an seinem individuellen Gang zu erkennen.

Zum ersten Mal seit 1926 (!) ist die Steinguss-Plastik »Badende« von Wilhelm Lehmbruck wieder öffentlich zu sehen. Eine Lehmbruck-Ausstellung führte 1933 dazu, dass die Nazis das Kunsthaus Bielefeld schlossen. Mit Geschichte aufgeladen ist aber auch eine Postkarte zur Ausstellung »Entartete Kunst« (um 1937), die das Werk »Großer Kopf« von Otto Freundlich abbildet; die Skulptur »Komposition« von 1933 steht auf der Terrasse der Kunsthalle. Gezeigt wird auch die »Najade« (1928) von Georg Kolbe, die 1944 bei einem Bombenangriff verschüttet wurde. Die Bronze wurde 1949 aus den Trümmern geborgen; sie zeigt kaum Beschädigungen – anders als die »Verkrampfte Hand« von Auguste Rodin, die nach dem Brand des Münchener »Glaspalasts« 1931 in der Asche gefunden wurde. Die Hand stammt aus dem Besitz des Künstlers Fritz Koenig. Der hatte eine Skulptur für das World Trade Center in New York geschaffen – zerstört am 11. September 2001. Meschede: »Historische Momente.«

Eine Styropor-Aluminium-Skulptur »Ohne Titel« verweist auf die nächste Ausstellung der Kunsthalle im Frühjahr 2020: Sie soll dem Künstler Antonius Höckelmann (1937-2000) gewidmet werden. Ein Ziel der aktuellen Schau sei es auch, die Diskrepanz zwischen dem »Idealschönen« und dem Sperrigen zu zeigen, dem Vorbildlosen und dem optisch Widerständigen. In diese Kategorie fallen gewiss der gelbe, nackte Junge in schwarzen Pumps von Pia Stadtbäumer (»Max schreiend«) und »Top Coat«, ein riesiger rot lackierter Fingernagel von Martin Margiela.

Die Ausstellung ist bis zum 8. März zu sehen.

Kunsthallen-Direktor Friedrich Meschede steht zwischen den »Armen» von Wiebke Siem, im Hintergrund eine Neuerwerbung: zwei überdimensionale Kniescheiben. Foto: Bernhard Pierel

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.

Google-Anzeigen

© WESTFALEN-BLATT
Vereinigte Zeitungsverlage GmbH

Alle Inhalte dieses Internetangebotes, insbesondere Texte, Fotografien und Grafiken, sind urheberrechtlich geschützt. Verwendung nur gemäß der Nutzungsbedingungen.

Mehr zum Thema

Anzeige


https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7050762?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198306%2F2509831%2F2198346%2F