Do., 14.11.2019

Dragqueen Yoncé Banks aus Paderborn über die neue TV-Show, die Jury und ihre Botschaft »Heidi Klum ist auch eine Art Drag«

Yoncé Banks, im richtigen Leben ein 26-jähriger Friseur aus Paderborn, gehört zu den zehn Dragqueens, die ab heute in einer Show auf ProSieben auftreten.

Yoncé Banks, im richtigen Leben ein 26-jähriger Friseur aus Paderborn, gehört zu den zehn Dragqueens, die ab heute in einer Show auf ProSieben auftreten. Foto: KeyKey Photography

Paderborn (WB). Zehn Dragqueens – Männer, die in künstlerischer Absicht durch ihr Aussehen und Verhalten eine Frau darstellen – treten vom heutigen Donnerstag an zehn Wochen lang in einer TV-Sendung (ProSieben, 20.15 Uhr) um den Titel der »Queen of Drags« an. Eine von ihnen ist Yoncé Banks, die im richtigen Leben als Friseur in Paderborn arbeitet. Die 26-Jährige hat mit Redakteurin Sonja Möller über die Drag-Szene, die Show und ihre Botschaft gesprochen.

Was umfasst für Sie der Begriff Drag?

Yoncé Banks: Drag ist für mich Kunst. Bunt, laut, man kann sich ausleben, erschafft sich seine eigene Kunstfigur und ist in dem Moment sein eigener Star. Drag ist bei jedem Künstler anders. Jeder hat seine eigene Message, die er versucht, mit seiner Rolle rüberzubringen. Als Dragqueen legt man Wert auf das Äußere. Man verändert sich ästhetisch. Es gibt zum Beispiel Dragqueens mit Bärten wie Bambi. Vava geht in die Alien-Richtung. Mein Drag ist sehr weiblich und sehr freizügig und auch sexuell, weil ich das Frauenbild pushen will. Frauen können auch tun und lassen, was sie wollen. Nicht nur Männer. Das will ich damit zeigen.

Wie ist Ihr Drag-Name Yoncé Banks entstanden?

Banks: Ich habe lange überlegt. Typische Drag-Namen sind eigentlich solche, die man auch zweideutig verstehen kann. Ich bin ein riesiger Beyoncé-Fan seit ich sechs Jahre alt bin. 2015 saß ich mit meiner besten Freundin in der Küche und plötzlich lief Beyoncés Song ›Yoncé‹. Da hat es bei uns Klick gemacht. Ich wollte noch einen schönen Nachnamen haben. Der kam von Tyra Banks. Ich finde es schön, dass beides nur fünf Buchstaben hat. Das lässt sich gut abdrucken und hat Starpotenzial.

Wie sind Sie auf die Drag-Szene aufmerksam geworden?

Banks: Im Jahr 2014 habe ich für eine Dragqueen im Background getanzt. Als Mann. Ein Tänzer war ihr abgesprungen und ein Freund von mir hat sich an mich und unsere Tanzeinlagen erinnert. Ich hatte mich vorher mit Drags nie auseinandergesetzt. Als ich sie dann zum ersten Mal gesehen habe, war ich baff, wie man sich mit Make-Up verändern kann und was das mit der Ausstrahlung einer Person macht. Als Friseur habe ich gedacht: »Ich kann Haare und Make-Up, ich versuche das mal.«

Wie ist der Kontakt zu ProSieben entstanden?

Banks: Ich bin über Instagram angeschrieben worden. Ich weiß nicht, ob das etwas damit zu tun hatte, dass ich vor zwei Jahren im »Germanys Next Topmodel«-Finale dabei war. Vor Heidi Klum und den Juroren gab es damals den Drag-Walk mit 20 deutschen Dragqueens. Wir wurden für »Queen of Drags« alle angeschrieben, aber man hat uns nicht viel erzählt. Wir dachten, es wird wie das amerikanische Format »RuPaul’s Drag Race«, nur als deutsche Version. Aber es ist anders – viel interessanter, viel lustiger, viel besser. Wir durften im Vorfeld unsere Performance vorbereiten, die Musik aussuchen und nach unseren Wünschen zusammenschneiden lassen. Wir haben zusammen in einer Villa gelebt. Der Zuschauer sieht uns beim Leben, beim Kochen, beim Putzen vielleicht. Es ist so lustig!

Gab es ein Drehbuch oder Vorgaben?

Banks: Die Produktion war so respektvoll zu uns. Uns wurde nicht vorgeschrieben, was wir machen sollten. Wir haben uns gefühlt, als wären wir mit Freunden unterwegs. Deswegen waren wir alle so authentisch. Wir sind erwachsene Männer, der Älteste ist 48. Man hat sich nicht in eine Rolle zwängen lassen. Wir hatten die Freiheit, uns zu zeigen, wie wir sind – und wir haben viele wichtige Themen eingebracht: Mobbing, Homophobie, Outing, dass Eltern ihre Kinder respektieren sollten, wie sie sind. Wenn Deutschland schon mal zuschaut, wollten wir diese Plattform nutzen. Es ist emotional, glamourös und lustig – alles in einem. Für mich ist »Queen of Drags« eins der besten Formate, das im deutschen Fernsehen bisher lief. Es ist ein tolles Projekt und ich bin stolz, dass ich dabei sein durfte.

Wie war das Zusammenleben mit den anderen Ladys?

Banks: Wir kannten uns ja alle schon, auch wenn es teils nur durch das Internet und nicht persönlich war. Es war trotzdem eine neue Situation. Ich habe noch nie mit zehn »Hühnern« zusammengelebt. Es war eine coole Zeit und hat uns auf ewig zusammengeschweißt. Wir werden auf ewig die Besetzung der ersten Staffel sein.

Die Auswahl der Jury wurde kritisiert. Was sagen Sie?

Banks: Ich finde die Jury total toll besetzt. Bezüglich Heidi Klum verstehe ich, dass es ein paar Dragqueens, aber auch viele Hetero-Männer und -Frauen gab, die sich Sorgen gemacht haben, dass Heidi nicht viel von Drag versteht. Aber das ist nicht richtig. Heidi ist ein Model, das macht sie seit Jahren. Die Frau ist auch eine Art Drag. Sie muss sich anziehen, modeln, moderieren und performen. Sie kennt das Business. Ohne Heidi würden wir niemals mit so einer Thematik so einen Sendeplatz um 20.15 Uhr bei ProSieben bekommen. Conchita hat in einem Interview gesagt: »Wir haben Heidi instrumentalisiert für unsere Zwecke.« Das ist auf eine Art so. Heidi hat das so toll gemacht. Bei uns war sie ganz anders, wie eine Freundin. Wir haben gefeiert. Sie hat uns viel erzählt, auch private Sachen. Das war wirklich witzig. Auch Bill Kaulitz ist eine kleine Fashion-Ikone und er ist Sänger. Alle Jury-Mitglieder waren passend für das Format.

Wie läuft die Show ab?

Banks: Das Wichtigste ist die Performance. Es geht nicht nur um Fashion, sondern generell um den ganzen Auftritt, den du dir überlegt hast. Bei uns ist jeder in der Jury gleichberechtigt. Heidi ist nicht die Chefin. Jeder hat die gleiche Macht. Jeder bewertet uns nach Punkten. Wer die wenigsten hat, muss gehen.

Was braucht man aus Ihrer Sicht, um die Queen of Drags zu werden?

Banks: Es geht um das Gesamtpaket. Meiner Meinung nach braucht die Siegerin Star- und Sex-Appeal, weil der sich heutzutage gut verkaufen lässt. Man braucht ein Image, das sich zum Star etablieren lässt. Wichtig sind Talent, Ausstrahlung, Ausdruck. Man muss eine starke Message haben. Man muss ein Star sein.

Was ist Ihre Message?

Banks: Es geht mir darum, das Frauenbild zu stärken und zu zeigen, dass man es als Kind aus einer kleinen Stadt wie Paderborn bis nach oben schaffen kann. Mir fällt eines immer wieder auf: Macht sich eine Frau mal ein bisschen schicker, ist sie für Männer oft billig. Auch Frauen untereinander sticheln und sagen: »Sie ist eine Schlampe« – damit habe ich ein Problem. Jeder kann sich kleiden, wie er möchte. Wir sind alle nackt geboren. Wenn sich jemand mit seiner Kleidung ausdrücken will, hat er das Recht dazu. Das heißt nicht, dass er weniger wert oder billig ist. Mir ist es wichtig zu zeigen: »Hey Mädel, mach’ einfach wie Du magst!« Deswegen ist mein Image die gebräunte Tanzgöttin, die in Glitter badet.

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