Do., 16.01.2020

Die aus Paderborn stammende Regisseurin Hermine Huntgeburth im Gespräch „Lindenberg begleitet mich musikalisch durchs Leben“

Udo Lindenberg und die aus Paderborn stammende Regisseurin Hermine Huntgeburth bei der Premiere des Kinofilms „Lindenberg! Mach dein Ding!”. Der Film startet am 16. Januar 2020 in den Kinos. Im Interview bezieht Huntgeburth Stellung zu dem Film.

Udo Lindenberg und die aus Paderborn stammende Regisseurin Hermine Huntgeburth bei der Premiere des Kinofilms „Lindenberg! Mach dein Ding!”. Der Film startet am 16. Januar 2020 in den Kinos. Im Interview bezieht Huntgeburth Stellung zu dem Film. Foto: dpa

Paderborn (WB). Vorhang auf für Udo Lindenberg: Die aus Paderborn stammende Regisseurin Hermine Huntgeburth hat in „ Lindenberg! Mach dein Ding “ (Kinostart: 16. Januar) den Jahren bis zum Durchbruch der heutigen Rocklegende ein filmisches Denkmal gesetzt. Im Interview mit Klaus Gosmann nimmt die 62-Jährige Stellung zu dem Film.

Sie haben zwei Mark-Twain-Verfilmungen gemacht: „Tom Sawyer“ und die „Abenteuer des Huck Finn“. Steht der junge Lindenberg auch ein bisschen in der Tradition dieser im Kopf bereits sehr unabhängigen, freigeistigen und etwas rebellischen Heranwachsenden?

Hermine Huntgeburth: Ja. Udo Lindenberg hat auch von Anfang an versucht, aus so einer Enge herauszukommen und die Freiheit zu finden, auch die Freiheit seiner Kreativität.

 

Man hätte auch über Lindenbergs gesamtes bislang 73-jähriges Leben drehen können. Warum fokussiert sich der Film auf seine Biografie bis Mitte 20?

Huntgeburth: Das war für mich besonders interessant, weil man ihn noch nicht kennt. Man denkt ja auch, er sei aus Hamburg. Deswegen hatte ich das Gefühl, dass ich da eine größere Freiheit – auch interpretatorisch – habe. Ich habe versucht, das Lebensgefühl eines suchenden jungen Mannes, der aber in sich spürt, dass da was ist, was raus muss, was neu ist und was anders ist, zu beschreiben.    Es ist ja auch eine Geschichte des musikalischen Werdegangs von Udo Lindenberg. Er war ein sehr, sehr guter Trommler. Schon mit 15 hat er quasi professionell gespielt. Er hat alle möglichen Richtungen ausprobiert: Jazz, Rock ’n’ Roll, Glamrock – er hat als Junge sogar Dixieland gespielt. Und das ist halt auch wahnsinnig interessant und macht auch Spaß beim Drehen.

 

Könnte es eine Fortsetzung des Filmprojekts geben? Lindenbergs Leben als Rockstar beginnt im Grunde genommen erst, als Ihr Film endet.

Huntgeburth: Mal schauen, wenn der Film gut läuft. Ich kann mir das schon vorstellen. Das ist ja auch quasi die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland.

 

Könnten Sie sich vorstellen, dass Sie dann Regie bei einer derartigen Fortsetzung führen würden?

Huntgeburth: Weiß ich jetzt noch nicht, aber ich kann mir das auch vorstellen. Ich warte erst mal ab.

 

Sie haben als Regisseurin auch bereits für den „Tatort“ gearbeitet, wie auch Lindenberg, der 1970 am Schlagzeug saß, als die „Tatort“-Titelmelodie erfunden wurde. Haben Sie mit Udo schon mal über Ihre gemeinsame „Tatort“-Vergangenheit geplaudert?

Huntgeburth: Nein, das habe ich nicht. Das finde ich aber auch eine verrückte, tolle Anekdote, dass man eigentlich jeden Sonntag Udo Lindenberg spielen hört (stimmt nicht ganz: Längst ist eine neuere Version des Titels zu hören: ohne Udo, d. Red.).

 

Im Film wird auch die Beziehung des jungen Udo zu seinen Eltern Gustav und Hermine thematisiert, denen er beiden jeweils einen Albumtitel gewidmet hat. Sie – wie bereits Ihre Mutter und Großmutter – tragen ebenfalls den in Zeiten vor Harry Potter eher selten gewählten Vornamen Hermine. Haben Sie schon mal mit Lindenberg über diesen Zufall geredet?

Huntgeburth: Ja, ich glaube, das hat mir schon mal von vornherein viel Sympathie bei Udo eingebracht, weil er seine Mutter sehr geliebt hat. Das ist wie ein verrückter Zufall.

 

Sie sollen auch das gleichnamige Album „Hermine“, das 1988 herauskam, besitzen, oder?

Huntgeburth: Genau, als es rauskam, habe ich dieses Album geschenkt gekriegt.

 

Da befand Lindenberg sich bereits in der mittleren Phase seiner Karriere. Haben Sie den Künstler denn auch schon in den 1970er Jahren gehört?

Huntgeburth: Er begleitet mich musikalisch eigentlich schon durch mein ganzes Leben: seitdem ich ein musikalisches Bewusstsein bekommen habe.

 

Sie sind 1977 für Ihr Filmstudium an die Hochschule für Bildende Künste in Hamburg gekommen. Da war der Wahl-Hamburger bereits ein Star. Wie haben Sie Ihn damals in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre wahrgenommen?

Huntgeburth: Es war ja damals die Zeit, wo er auch die anderen Künste mit eingebunden hat. Er hat damals auch mit Peter Zadek (2009 verstorbener deutscher Regisseur und Theaterintendant, d. Red.) zusammen gearbeitet. Lindenberg war in Hamburg wirklich sehr, sehr präsent. Das ist ja auch ein Teil Hamburgs, der Udo: einer unserer wichtigsten deutschen Künstler, die es in der Gegenwart gibt.

 

A propos Zadek: 1979 hat Lindenberg seine „Rock Revue ‘79“-Tour zur Veröffentlichung des Albums „Dröhnland Symphonie“ von Theaterregisseur Peter Zadek opulent in Szene setzen lassen. Auch Ihnen ist das Theater kein unvertrautes Terrain. So haben Sie während Ihres Studiums als Regie-Assistentin am Theater in Esslingen gearbeitet. Als Frau vom Regisseurs-Fach: Wie fanden Sie dieses Konzept, eine Rockshow mit Theaterelementen zu verbinden?

Huntgeburth: Ich fand das damals super. Peter Zadek hat ja viele solcher Sachen gemacht: mit Udo Lindenberg, aber auch mit den „Einstürzenden Neubauten“. Ich fand diese Verbindung zwischen Hochkultur und populärer oder auch Rock-Musik ganz spannend.

 

Udo Lindenberg stammt aus Gronau, Sie aus Paderborn: beides keine Millionenmetropolen. Mit Anfang 20 sind Sie dann beide – wenngleich mit fast zehn Jahren Abstand – im großstädtischen Hamburg gelandet. Hat Ihnen diese Parallele im Lebenslauf die Zusammenarbeit mit Udo Lindenberg erleichtert oder dabei geholfen, sich als Regisseurin besser in den jungen Lindenberg einzufühlen?

Huntgeburth: Natürlich spielt immer auch die eigene Biografie eine Rolle, inwieweit man sich in einen Menschen hineinversetzen kann. Das ist ja klar.

 

Es gibt eine weitere biografische Parallele zwischen Lindenberg und Ihnen: Sie stammen beide aus Familien mit relativ vielen Kindern. Sie selbst sind, wenn ich richtig informiert bin, mit neun Geschwistern aufgewachsen, und Udo Lindenberg mit zwei Schwestern und einem Bruder. Verbindet das auch ein bisschen?

Huntgeburth: Nein, das nicht. Ich glaube, damals gab es sowieso mehr Kinder. Aber das eigentlich Verbindende war, dass er dann, als wir uns alleine getroffen haben, gesagt hat: „Hermine, ich vertraue dir, du machst das schon.“ Das ist natürlich ein großer Vertrauensvorschuss, mit dem er mir da entgegen gekommen ist.

 

Udo Lindenberg ist ein sehr visuell denkender Mensch: Sein 2006 verstorbener Bruder Erich war Bildender Künstler, er selbst malt so genannte „Likörelle“ und seine Auftritte waren von Beginn an regelrechte Shows: mit buntschillernden Statisten, jeder Menge Bühnen-Deko und theatralischen Elementen. Hat Udo Lindenberg Tipps gegeben, wie man bestimmte Sachen visuell umsetzen könnte?

Huntgeburth: Nein, es war schon wichtig, dass er mit dem Drehbuch einverstanden ist, aber dass er visuelle Vorschläge gemacht hat: Nein, das hat er nicht gemacht. Er hat mir da voll vertraut.

 

Ein wichtiger Aspekt des Films ist die Freundschaft zwischen Lindenberg und dem Bassisten Steffi Stephan. Haben Sie vor dem Filmprojekt auch mit Stephan gesprochen?

Huntgeburth: Nein, aber die Drehbuchautoren haben mit ihm gesprochen.

 

Wie kamen Sie auf die Idee, die Geschichte Ihres Protagonisten nicht zuletzt mithilfe der Frauencharaktere aus seinen Songs zu erzählen: zum Beispiel Paula aus St. Pauli (aus „Alles klar auf der Andrea Doria“) und Petra, dem „Mädchen aus Ostberlin“, das in der Realität Manu hieß?

Huntgeburth: Geschrieben haben das ja drei Autoren: Christian Lyra, Sebastian Wehlings und Alexander Rümelin. Das hat sich in unserer Zusammenarbeit ergeben. Viele von Lindenbergs Songs sind sehr autobiografisch. Dass die viel mit seinem Leben zu tun haben, macht ja auch den Charme dieser Songs aus, auch die Glaubwürdigkeit und den Zugang, den die Fans dazu haben. Dann lag es nah, da auch kleine Geschichten und Episoden um diese Frauen herum zu erzählen.

 

Udo Lindenberg soll zumindestens einmal am Drehort gewesen sein. Wie hat er reagiert, als er das erste Mal Jan Bülow dabei zuschauen konnte, wie er den jungen Udo verkörpert?

Huntgeburth: Es ist ja wichtig, dass er ihn kennen gelernt hat. Und er war halt total begeistert: Sie sind ein Herz und eine Seele jetzt.

 

Frage an die gebürtige Ostwestfälin: Kennen Sie Lindenbergs Song „Rätselhaftes Bielefeld“ vom „Sister King Kong“-Album aus dem Jahr 1976?

Huntgeburth: Nee, den kenne ich nicht.

 

Eine ostwestfälische Stadt als Songtitel, müssen Sie sich mal anhören...

Huntgeburth: Das ist ja lustig. Höre ich mir an.

Zur Person Hermine Huntgeburth

Die Regisseurin Hermine Huntgeburth, (geboren am 13. November 1957 in Paderborn) wuchs in der Paderstadt in einer Arztfamilie mit neun Geschwistern auf. 1977 nahm sie in Hamburg an der Hochschule für Bildende Künste ein Filmstudium auf. Bereits während ihres Studiums schrieb sie Drehbücher und arbeitete als Regieassistentin am Theater. Für ihr Regiedebüt „Im Kreise der Lieben“ (1991) wurde sie mit dem Bundesfilmpreis in Gold für die beste Nachwuchsregie ausgezeichnet. Anfangs widmete sie sich überwiegend der Regie von Fernsehproduktionen, zum Beispiel „Romeo“ (2001), für den sie mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet wurde. Mit „Bibi Blocksberg“ (2002) konnte sie auch beim jüngeren Kino-Publikum punkten. Später folgten die Abenteuerfilme „Tom Sawyer“ (2011) und „Die Abenteuer des Huck Finn“ (2012), die auf literarischen Vorlagen von Mark Twain basieren. Ihre Roman-Verfilmung „Die weiße Massai“ (2005) mit Nina Hoss in der Hauptrolle erreichte 2,2 Millionen Kino-Zuschauer. 2010 setzte sie Sven Regeners Bestseller „Neue Vahr Süd“ filmisch um. Die Wahl-Hamburgerin ist Mitglied im Vorstand der Deutschen Filmakademie und seit 2006 Mitglied der Freien Akademie der Künste in Hamburg.

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