Mi., 12.02.2020

Kultur Nahrungsmittelunverträglichkeiten beim Kind erkennen und behandeln

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Immer mehr Kinder leiden unter Allergien oder Nahrungsmittelunverträglichkeiten. Umso wichtiger ist es für Eltern, diese zu erkennen, zu unterscheiden und richtig zu behandeln.

Allergien werden in der modernen Gesellschaft immer häufiger. Etwa jeder dritte Deutsche ist bereits von mindestens einer Allergie betroffen. Gründe dafür gibt es viele, beispielsweise Umweltgifte oder zu wenig Kontakt mit Bakterien und Keimen – vor allem im Kindesalter. Die Folge ist eine Überreaktion des Immunsystems, wenn es mit eigentlich harmlosen Stoffen wie Pollen oder Tierhaaren in Berührung kommt. Schlimmstenfalls entsteht ein anaphylaktischer Schock und damit ein lebensgefährlicher Notfall. Immer häufiger betreffen solche Allergien auch Lebensmittel, beispielsweise gewisse Apfelsorten oder Gluten. Für Eltern ist es also wichtig, eventuelle Allergien bei ihrem Kind frühzeitig abzuklären, um eine Gefährdung zu verhindern. Allerdings muss dabei unterschieden werden zwischen einer tatsächlichen Allergie und einer reinen Unverträglichkeit.

Unterschied zwischen Allergie und Unverträglichkeit

Viele Personen gebrauchen diese zwei Begriffe als Synonyme, dabei handelt es sich um eine wichtige Unterscheidung. Genau genommen, geht es sich zwar in beiden Fällen um Nahrungsmittelunverträglichkeiten, allerdings gibt es allergische und nicht-allergische Ausprägungen:

  • Nicht-allergische Nahrungsmittelunverträglichkeiten gehen in der Regel auf einen Mangel an einem bestimmten Protein zurück. Es fehlt also zum Beispiel ein Enzym, um das jeweilige Nahrungsmittel richtig verdauen zu können. Die Reaktion des Körpers ist dementsprechend schlimmer, je mehr von dem Lebensmittel konsumiert wurde. Manchmal sind geringe Mengen sogar gut verträglich.
  • Allergische Nahrungsmittelunverträglichkeiten sind hingegen unabhängig von der Dosis. Der Körper reagiert also unmittelbar und heftig auf jeden Kontakt mit dem Allergieauslöser. Dabei wird ein immunologischer Mechanismus in Gang gesetzt, der in der Regel einen vollkommenen Verzicht auf das Nahrungsmittel notwendig macht.

Liegt also ein Verdacht auf eine Nahrungsmittelunverträglichkeit vor, sollte diese ärztlich abgeklärt werden. Nicht-allergische Lebensmittelunverträglichkeiten werden in der Regel durch spezifische Tests wie einen Atemtest festgestellt, wohingegen eine Allergie durch einen klassischen Allergietest zu erkennen ist.  Oft steht aber auch bereits eine Vermutung im Raum, abhängig von der Art der Reaktion sowie des potenziellen Auslösers. Allergien bestehen vor allem bei Kindern beispielsweise oft gegenüber Hühnereiern, Milch oder Weizen. Auch Äpfel, Erdnüsse sowie Fisch sind häufige Allergieauslöser, jedoch tendenziell eher im Erwachsenenalter. Nicht-allergische Nahrungsmittelunverträglichkeiten sind hingegen oft bezüglich Laktose, Histamin oder Fruktose festzustellen.

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Auf diese Symptome sollten Eltern achten

Das eigene Kind zu beobachten, kann also sowohl den Eltern als auch den Ärzten wichtige Hinweise liefern, ob eine Nahrungsmittelunverträglichkeit vorliegen könnte und in welcher Form. Ein vorsorglicher Allergietest ist auf jeden Fall schon in einem frühen Lebensalter sinnvoll – nicht nur bezüglich Lebensmittel. Dennoch kann es sein, dass entsprechende Nahrungsmittelunverträglichkeiten unerkannt bleiben oder sich erst im Laufe der Jahre entwickeln.

Achtsamkeit ist daher stets eine gute Devise. Wenn Eltern folgende Symptome bei ihrem Kind auffallen, sollten sie einen Arzt für eine Abklärung aufsuchen. Denn in solchen Fällen können allergische oder nicht-allergische Unverträglichkeiten der Auslöser sein…müssen sie aber nicht. Auch andere Ursachen kommen in Frage, weshalb eine ärztliche Diagnose erst recht wichtig ist:

  • Wiederkehrende Verdauungsbeschwerden wie Bauchweh, Magenkrämpfe oder Blähungen beim Kind.
  • Durchfälle oder blutiger Stuhl.
  • Anschwellen von Augen und Lippen.
  • Rötungen, Schwellungen oder ein starker Juckreiz, zum Beispiel im Bereich von Hals und Rachen.
  • Häufiges Leiden unter Kreislaufproblemen oder Unwohlsein bis hin zum Erbrechen.
  • Trockener oder nässender Ausschlag im Mundbereich des Kindes.
  • Geschwollene Schleimhäute oder laufende Nase.
  • Ausschlag an der Innenseite des Ellenbogens, häufig mit starkem Juckreiz.
  • Raue Haut oder Blasen auf der Haut.
  • Atembeschwerden bis hin zu Atemnot. Vorsicht: akuter Notfall!
  • Neuentwicklung einer Neurodermitis oder Auslösen eines neuen Schubs.

Letzteres Beispiel macht zugleich deutlich, dass auch Wechselwirkungen zu anderen Krankheitsbildern bestehen oder Symptome auf eine Nahrungsmittelunverträglichkeit hinweisen können, die auf den ersten Blick scheinbar nichts mit der Verdauung zu tun haben. Wann immer das Kind unter wiederkehrenden Beschwerden oder Grunderkrankungen wie einer Neurodermitis leidet, ist die Abklärung eventueller Allergien oder Intoleranzen also eine sinnvolle Maßnahme.

Welche Rolle spielen erbliche Faktoren?

Weiterhin sollten Eltern ihre Kinder frühzeitig sowie regelmäßig testen lassen, wenn sie selbst oder eine andere Person in der Familie (Geschwister, Großeltern, Onkels oder Tanten, o. ä.) unter einer allergischen oder nicht-allergischen Nahrungsmittelunverträglichkeit leiden. Denn tatsächlich kann eine Familiendisposition vorliegen, sprich das Allergierisiko des Kindes ist höher, wenn ein nahes Familienmitglied ebenfalls unter einer Allergie leidet. Eventuell ist es daher sinnvoll, bereits während der Schwangerschaft mit dem Gynäkologen beziehungsweise der Gynäkologin eine Familienanamnese zu machen. Denn bereits in diesem frühem Stadium können Maßnahmen ergriffen werden, um das Allergierisiko des Babys zu senken. Zudem sinkt dadurch die Gefahr eines anaphylaktischen Schocks nach der Geburt. Es handelt sich sozusagen um eine „Vorhersage“ einer möglichen Allergie.

Präventive Maßnahmen bei Risikokindern

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Einerseits kann eine gesunde Lebensweise der Mutter während der Schwangerschaft das Allergierisiko von Kindern mit Familiendisposition – sowie natürlich auch von allen anderen Kindern – senken. Andererseits kann in den ersten vier Lebensmonaten eine aktive Allergieprävention getätigt werden. Die Muttermilch ist dabei ein wichtiger Faktor, denn ihre Zusammensetzung bietet einen besonderen Schutz, den keine synthetisch hergestellte Milch leisten kann. Hierbei kommen vor allem immunologische Faktoren zum Tragen, die sich natürlich auch positiv auf eventuelle nicht-allergische oder allergische Nahrungsmittelunverträglichkeiten auswirken. In den ersten sechs Monaten wird das ausschließliche Stillen daher dringend empfohlen.

Ist das nicht (ausschließlich) möglich, sollte eine spezielle HA-Säuglingsanfangsnahrung zum Einsatz kommen, die ebenfalls gezielt den Ausbruch von Allergien zu verhindern versucht. Zudem wurde das Eiweiß durch einen speziellen Prozess so gespaltet, dass es selbst im Regelfall keine Unverträglichkeit hervorrufen kann. Dennoch gilt es natürlich für alle Eltern, aufmerksam zu bleiben und das Kind in jedem Lebensalter zu beobachten. Schließlich bilden sich viele Allergien erst im Kindes-, Jugend- oder sogar Erwachsenenalter aus.

Nahrungsmittelunverträglichkeiten behandeln

Sollte also eine nicht-allergische oder allergische Nahrungsmittelunverträglichkeit diagnostiziert worden sein, ist eine korrekte Behandlung wichtig. Bei der nicht-allergischen Ausprägung reicht es in vielen Fällen bereits aus, geringere Mengen des Auslösers zu konsumieren oder diesen vollständig zu meiden. Alternativ gibt es beispielsweise bei der Laktoseintoleranz spezielle Präparate, welche das Enzym enthalten, das dem Körper fehlt. Werden diese also vor dem Essen eingenommen, kann der Körper eine gewisse Menge an Laktose aufspalten – ebenso wie bei einem Menschen ohne Unverträglichkeit auch. Die Präparate sind rezeptfrei in Apotheken erhältlich, werden jedoch nicht von den Krankenkassen übernommen. Sie stellen daher keine Dauerlösung dar, aber eine hervorragende Option für besondere Anlässe. Bei Unverträglichkeiten kann sich der Darm manchmal durch einen längerfristigen Verzicht auch wieder regenerieren und die Nahrungsmittel anschließend wieder normal verdauen, zumindest in einem gewissen Ausmaß. Es kann daher sinnvoll sein, immer wieder entsprechende „Tests“ mit kleinen Mengen zu machen.

Bei Allergien ist hingegen noch mehr Vorsicht geboten. Es gilt, den Allergieauslöser vollkommen und dauerhaft zu meiden. Dafür ist es notwendig, die Inhaltsangaben bei Lebensmitteln im Detail zu lesen. Denn hier muss auch angegeben werden, wenn nur kleinste Spuren eines Stoffes enthalten sind, der zu den häufigsten Allergieauslösern zählt. Dass sich die Fehlreaktion des Immunsystems wieder aufhebt, ist im Normalfall nicht zu erwarten. Stattdessen kann der Kontakt mit den Nahrungsmitteln für das Kind sogar lebensbedrohlich werden. Eltern sollten daher für akute Fälle passende Medikamente wie Cortison, Antiallergika oder Antihistaminika in greifbarer Nähe haben. Auch eine frühzeitige Schulung des Kindes selbst, was es essen darf und was nicht, ist wichtig. Isst es auswärts, beispielsweise bei Freunden oder den Großeltern, müssen die zuständigen Personen ebenfalls über die Allergien aufgeklärt werden. In Extremfällen kann auch eine Hyposensibilisierung sinnvoll sein, um die Gefahr für das Kind zu verringern. Das ist allerdings eine Entscheidung, die stets individuell getroffen werden muss. Auch hierbei gilt es also, einen Facharzt zu konsultieren und die Möglichkeiten zu besprechen.

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